Der Zoobesuch


Noch etwas hatte mich mein Vater gelehrt, nämlich den Respekt vor allem, was kreucht und fleucht. An schönen Sonntagen fuhren wir zum Kölner Zoo, der kurz nach dem Ende des Krieges wieder eröffnet wurde. Eine solche Reise musste strategisch vorbereitet werden. Die Eisenbahn bediente die Strecke Kevelaer bis Krefeld nur zweimal am Tag. Das dauerte gut eine Stunde. Die Wagen besaßen zum Teil keine Fenster und die Sitze waren modrig, manchmal von Ziegen, Hunden oder Katzen belegt. Es roch nach Schweiß. Der Vater gab auf mein Zappeln Acht und beruhigte meine Ungeduld. „Die Tiere sind erschöpft“ sagte er und schenkte mir Schokolade, die er aus Zeitungspapier wickelte. Dabei tat er äußerst geheimnisvoll, obwohl die Prozedur immer dieselbe war. Den Ziegen gab er trockenes Brot und streichelte ihre warmen Zungen, die seine gütigen Hände dankbar leckten. In Krefeld hatten wir genügend Zeit, bis der Schnellzug nach Köln eintraf. Ich bekam ein Eis mit Erdbeer- und Vanillekugeln. Der Eismann besaß nur ein Bein. „Es passierte am Donez“ erzählte er und ich dankte artig für die Gratiskugel Karamell, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wer oder was der Donez sein sollte. In Köln gingen wir als erstes zur Marienkapelle St. Kolumba in der Nähe des Domes. Der Vater zündete eine Kerze an, betrachte das Foto meiner Mutter, hielt es an seine Lippen und vergoss ein paar Tränen.

Mit der Tram zuckelten wir zum zoologischen Garten. „Bitte lass uns zu dem grünen Leguan gehen“ bettelte ich. Also standen wir vor dem riesengroßen Terrarium, in dem er hauste, und warteten, bis er sich blicken ließ. Plötzlich zischte seine glatte Zunge aus dem Gestrüpp. Die Libelle hatte keine Chance aber das war mir gleich. Mit Vergnügen beobachtete ich, wie der Leguan sie verspeiste. „Ist er ein Marsmensch?“ fragte ich. „Ich bin mir nicht sicher“ antwortet der Vater, während die goldenen Augen der Echse rollten. „Gibt es noch andere Tiere mit goldenen Augen?“ startete ich einen zweiten Versuch. Der Vater schaute mich beunruhigt an, gab mir die Hand und wir verließen geschwind das Aquarium.

Gleich gegenüber turnten Mantelpaviane auf dem Affenfelsen, den ein Wassergraben umgab. Die Weibchen hielten ihre Jungen auf dem Schoß und kraulten deren Köpfchen. „Entzückend“ tönte es von links, „niedlich“ von rechts. Rasch zogen wir weiter. Scheue Erdmännchen ließen sich blicken, ein Elefant schiss gewaltige Klumpen, das Nilpferd gähnte, Flamingos putzten ihr Gefieder, Giraffen verrenkten sich die Hälse, ein Löwe bestieg sein Tigerfräulein, Eisbären fraßen Sardinen, Kamele kauten Bonbons, Gibbons meckerten, Schimpansen spielten Ball, ein Erdferkel biss sich in den Schwanz, Pfaue feierten Hochzeit und über dem ganzen Spektakel zog ein Aasgeier seine Kreise.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof kehrten wir, sofern noch Zeit blieb, im Brauhaus Früh ein. Vater zischte vier oder fünf Kölsch und ich bekam Limonade, selbstverständlich ebenfalls in einem Kölschglas. „Junger Mann“ lachte der Köbes, „übe fleißig, damit du die Kunst erlernst.“ Ich fragte ihn, wie er das meine, doch er lachte lauter und reichte mit ein Stück Blutwurst mit Senf. „Ist eine gute Grundlage“ sagte er und tätschelte mir die Wangen. An diesem Tag zog es Vater vor, schleunigst zu zahlen. Ich amüsierte mich dagegen und konnte den nächsten Besuch im Früh mit seinen Knollennasen unter vergilbten Stadtpanoramen kaum erwarten.

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Auf den Spuren des Leguans


„Kommt mal alle nach oben“ schallte die Stimme des frisch gekürten Kapitäns aus dem Bordlautsprecher. Wir befanden uns in den Gewässern der Malediven. Zuerst dachte ich, ein schwarzes Tuch, das, wie man es vom Theater kennt, durch Bodendüsen in wallender Bewegung gehalten würde, läge über dem Wasser. Dann erkannte ich tausende und abertausend Manta-Rochen. Die Herde schwamm in Richtung der Insel Kuramathi, auf der sich zwischen Kokospalmen schicke Touristenressorts der Extraklasse versteckten. Die Urlauber waren am Strand versammelt und winkten uns aufgeregt zu. In ihren Gesichtern spiegelte sich panisches Entsetzen. Ich sah durch mein Fernglas. Die gesamte Insel war mit gesprenkelten Eiern bedeckt. Sie lagen in Schichten aufeinander. Es knackte unaufhörlich, denn merkwürdig Geschöpfe schlüpften aus den Eiern. Sie ähnelten Geckos, hatte aber Flügel und Schwanzflossen. Ihre Schuppenhaut war weiß. „Das darf nicht wirklich wahr sein“ murmelte der Steuermann. „Wir wollen uns davonmachen.“ Die Matrosen hielten mit Stangen die herbeischwimmenden Menschen davon ab, das Schiff zu entern und sich in Sicherheit zu bringen. Demzufolge soffen die Schönen und Reichen ab.

Wie auf ein geheimes Kommando stürmten die Manta-Rochen die Insel. Sie walzten über die Eier hinweg. Ihre Kopfflossen sammelten die quiekenden Geckos ein und brachten sie zu einem kleinen Hügel am östlichen Rand der Insel. Dann schlitterten sie durch das glibbernde Eiweiß zum Ufer zurück. Die meisten erstickten auf dem Weg, wenige flutschten ins Wasser, wo sie das kommende Schauspiel gemeinsam mit rostroten Kraken und riesigen Würmern, die sich zuvor an den Leichen gelabt hatten, beobachteten. Die See bebte. Der Hügel brach wie eine geteilte Frucht auseinander. Lava schoss in die Höhe. Sie brachte eine Kreatur ans Licht, die einem kolossalen Drusenkopf ähnelte. Das Ungeheuer barg fürsorglich die Geckos, als seien sie das eigene Gezücht. Jetzt krachten seine Tatzen hinab. Kuramathi versank. Das Meer brodelte und schluckte die gesamte Inselgruppe der Malediven. Unser Frachter schlingerte, aber er hielt.

„Mon Dieu“ schrie Dominic an der Maschine, „volle Kraft voraus“. Der Kapitän zitterte. „So also setzt der Leguan seine Spuren“ japste er.

Das Schiff vibrierte unter dem Hämmern der Kolben und floh Richtung Südost. Ich notierte die Geschehnisse.

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Heinrich Heine „Die Memorien des Herrn von Schnabelewopski“


„Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiss bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann, und jetzt schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt. Begegnet es einem anderen Fahrzeuge, so kommen einige von der unheimlichen Mannschaft in einem Boote herangefahren und bitten, ein Paket Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese Briefe muss man an den Mastbaum festnageln, sonst widerfährt dem Schiffe ein Unglück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen am Fockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert, die man gar nicht kennt, oder die längst verstorben, so dass zuweilen der späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seine Urgroßmutter gerichtet ist, die schon seit hundert Jahren im Grabe liegt. Jenes hölzerne Gespenst, jenes grauenhafte Schiff führt seinen Namen von seinem Kapitän, der Holländer war.“

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Das Schweigen


Daniel befand sich in der Wohnküche mit der geblümten Tapete. Im zerstreuten Licht schwebten Staubpartikel um einen Tisch aus billigem Holz, auf dem das Frühstück stand. Daniel öffnete das Fenster und sah passierende Nebelschwaden. Riss das bleiche Gewölk, blinkten in der Ferne die Positionslichter eines Schiffes. Christiane und Michael setzten sich an den Tisch. Sie schienen den Jüngsten, der neben ihnen Platz nahm, nicht wahrzunehmen. Vielmehr schauten sie zu Boden und musterten die Strukturen des Linoleumbelages. Sie langweilten sich. Daniel erblickte den Bug eines Schiffes, der wie ein schwarzer Monolith aus dem Wasser ragte, gefährlich und lockend zugleich. Die Mutter sorgte sich unterdessen um Christiane und Michael. Von Daniel nahm sie keine Notiz. „Ich bin wieder da, Euer Daniel, freut Ihr Euch denn nicht?“ fragte er und erntete eisigen Schweigens. Vor dem Herrgottswinkel vertrockneten die Palmzweige. Ratternd setzte sich die Märklin Bahn in Bewegung. „Nimm Deine Sachen und geh, stör hier nicht weiter“ sagte die Mutter zu Daniel. Da begann er zu wühlen. Von überall kramte er Dinge hervor. Er nahm einen riesigen Koffer, in den alles hinein musste. Spielzeug und Bücher, Klamotten und Stofftierchen sowie unzählige Notizen, die niemand kannte. Ständig tauchten neue Gegenstände auf, der Koffer schien ein Fass ohne Boden. Daniel packte und packte. Sisyphos schaute zu. Jetzt warf das Schiff mit den blutroten Segeln direkt vor dem Fenster den Anker. „Ich verabschiede mich nun“, sagte Daniel zu Mutter, Schwester und Bruder. Keine Antwort. „Johohoe, johohohoe, hojohohoe, huissa“ riefen draußen die Seeleute. Der Fliegende Holländer trat ein und nahm Daniel an die Hand. „Nimm Deinen Koffer und komm mit“ so sprach er, „ich bringe Dich heim.“ Daniel blickte sich noch einmal um. Sie saßen immer noch apathisch dort, aber Michael hob leicht die Hand.

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Bei den Gräbern der Ravenswoods


In der Nähe von Rosebush gab es einst ein ausgedehntes Moor und mittendrin, gleich bei den Gräbern der Ravenswoods, lag ein halbverfallenes Schloss. Es war hellerleuchtet, denn eine gepuderte Festgesellschaft feierte die Hochzeit ihrer Lucia und gleichzeitig den eigenen Untergang, da die Epoche der Clans sich dem Ende zuneigte. Oben auf der Treppe erschien eine verwirrte Frau in einem blutverschmierten Kleid. Sie hielt ein Messer in der Hand. Dann begann sie zu singen: „Il dolce suone, spargi dámaro pianto“. Appoggiaturen der Flöte grundierten, umspielten und begleitete die wahnsinnige Melodie. Als die Raserei zum Gipfel strebte, trübte die Sängerin den Aufschwung zum Spitzenton, um diesen dann wie eine Knospe in Gold erblühen zu lassen. Die Zuschauer tobten und Daniel rieb sich die Augen. Er blickte hinauf zum Porträt und sah dort Lucia von Lammermoor, die vom Leben Abschied nahm, damit sie in white tomb bestattet werde. Violetta, Elsa, Leonore, Mimi, Adriana, Madeleine, La Gioconda und all die anderen Frauen hielten ihr schon einen Platz an der abendlichen Tafelrunde frei. Gabriel schmeckt das überhaupt nicht, aber irgendjemand legte eine Schellackplatte auf. Durch das Knistern des blauen Planeten erklang „O mio babbino caro“. Das war noch einmal die unbegreifliche Stimme der Maria Callas. Der Erzengel gab auf. So hörte Edgardo die Totenglocke und erstach sich. Er war ein biederer Mensch geblieben, vollkommen anders als seine geliebte Lucia, die im Einschlummern ein Gestirn taumeln sah. Das bestand aus blauem Licht und raste auf die ruinierte Erde zu. „Del ciel clemente un riso, la vita a noi sara“. Donizetti, der Komponist dieser Oper, verfiel wie seine Protagonistin dem Wahnsinn. Filmklappe runter! Aus!

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Ein Ausflug nach Manila


Das Schiff flog dreimal um den Äquator. Es sank zwanzigtausend Meilen und zerstörte bei dieser Gelegenheit die Nautilus, das sagenumwobene Unterseeboot des noch rätselhafteren Kapitäns Nemo. Der konnte gerade eben im Nasenloch eines mit Tang bewachsenen Narwals fliehen. Die Stadt Atlantis kam -aus Sicht der Gelehrten verständlicher Weise- ungeschoren davor, denn deren Bewohner hatten die Tore geflutet, so dass die Zinnen und Kuppeln im trüben Wasser nicht erkennbar waren. Lormoral ließ es sich nicht nehmen, sein gesamtes Heer, das aus siebentausend aufgepumpten Kugelfischen bestand, in Reih und Glied zu stellen. Eine Seenadel pikste sie an, einen nach dem anderen. Das erzeugte ein höllisches Sirren und Flirren und die ausströmende Luft gab dem Schiff wieder Auftrieb. In der Bucht von Manila ging es vor Anker. Die wenigen Fischer, die zu dieser Stunde ihre Netze flickten, flohen vor Schrecken auf einen gigantischen Müllberg, an dem die Hütten der Elenden klebten. Es stank nach Fisch, Schweiß und Abfall. Dreckige Kinder hüteten Schweine, die Väter tranken Schnaps und die Mütter säuberten Kloaken, um darin die Wäsche zu waschen. Räudige Hunde fraßen herumstrolchende Kater und Daniel beobachtete, wie mehrere von ihnen einem riesengroßen Exemplar mit goldgepudertem Schnurrbart den Garaus machten.

Die Beleuchtung der gesamten Metropole erlosch, als Daniel ihre Vorstädte streifte. Der feuchten Nebel machte ihm zu schaffen und ständig stolperte er in der Dunkelheit über Kehricht oder verfing sich in Schlingpflanzen. Doch der Mond ging auf und erhellte stumpfsinnige Massen, die wie die lebenden Toten aus dem gleichnamigen Film von George A. Romero herumtorkelten. Jeder rempelte jeden an. Gedärme ausgeweideter Ratten und Ferkel dampften als Folge eines tropischen Gewitters in den regennassen Straßen. Die Zombies nutzte die Gelegenheit, sich zügig zu entleeren. Das Wasser spülte den Unrat davon. Kot, Föten und erstickte Hunde trieben ins Meer hinaus. Dort schnappten dürre Fische den Fraß, um in am Grund der See schleunigst wieder auszuschwemmen. Huren stiegen auf knatternde Motorräder und in einer Seitengasse sah Daniel eine Frau, die einen Sarg hinter sich herzog. Sie öffnete ihn und beförderte ein Skelett hervor, das sich erst in fleischige Schale, sodann in die Arme der Matrone warf. Sie schnäbelte an den Geschwüren ihres pockennarbigen Galans. Dann hieß sie ihn, beim Masturbieren wie ein Eber zu röcheln. Das klang in Daniels Ohren freilich erträglicher als das Keuchen der Alten, die nicht genug Orgasmen kriegen konnte. Endlich war sie zufrieden, warf den ausgelaugten Geck in den Sarg und sprang ebenfalls hinein. Drinnen zerfielen beide zu einem Häuflein Mist. An der nächsten Straßenecke durchbohrte sich ein lebensmüder Affe. Die Sache zog sich hin, denn der Dolch war für das Vorhaben ungeeignet. Ein Lump gab die Empfehlung, eine Glasscherbe zu benutzen, legte gleich selber Hand an und ritsch ratsch gurgelte der Schimpanse in den Tod. Seine Erektion erwies sich bei dem Versuch, den Leichnam in einen Gully zu werfen, als ausgesprochen hinderlich. Aber mit tatkräftiger Unterstützung zweier entjungferter Brautjungfern gelang es letzten Endes doch. Nebenan ging es weiter. Ein Greis hatte seinen gesamten Hausrat auf ein ebenso betagtes Fahrrad geladen, denn er war im Begriff, aufs Land zu ziehen, wo ihm seine fünf Kinder einen ruhigen Lebensabend schenken wollten. Liebevoll hatten sie ihm ein kleines Häuschen neben ihrem Gutshof eingerichtet und jetzt kamen sie ihm lustig schnatternd entgegengelaufen. Dem alten Mann flossen Freudentränen, denn damit hatte er nicht gerechnet. Es krachte und schepperte, wie es in Manila täglich vorkommt. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, sah man zwei ineinander verkeilte Busse. Die jungen Leute waren tot, alle fünf. Polizisten zogen ihre zerquetschten Körper unter den Bussen hervor und legte sie am Straßenrand nebeneinander. Ein kleines Mädchen faltete ihre Hände. Inmitten der zusammengelaufenen Menschenmenge stand Beatrice. Nein, diesmal lachte sie nicht. Sie hielt den verzweifelten Vater, der hilflos neben seinem Fahrrad stand, ganz fest, bis sein Zittern nachließ. Daniel sah seinen Papa, wie er die Mütze aufsetzte und niemals wiederkehrte. Er sah dessen Zittern und plötzlich sah er seine Mutter. Wie damals auf Sylt trug sie den zerschlissenen Mantel. In ihren Augen lag aller Schmerz dieser Welt. „Contessa, perdono“ flüsterte Mozart und notierte die schönste aller schönen Melodien.

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Der Besuch des Fliegenden Holländers


Aschblonder Mond, schwarzer Bergkristall und blaue Schatten formten sein Gesicht. Dunkel flutete das Haar, das in sorgfältig geknüpftem Geflecht den Boden zu berührte. Er trug einen Mantel aus Brokat, darunter eine Lederweste, weiße Kniebundhosen sowie rote Langschaftstiefel. Das schwarze Halstuch wurde von einem Rubin zusammengehalten und an den Händen funkelten Diamanten, jeweils tausend Karat schwer. Mit diesen gebot er dem Meer, das ihm grollte, zu schweigen. Lormoral gehorchte. Als erstes widmete der Holländer seine ganze Aufmerksamkeit den Folianten, die auf dem Boden umherlagen. Als zweites zeigte er zum Himmel, drehte sich wie ein Zauberpriester um die eigene Achse und nahm als drittes die Schreibfeder vom Tisch. Er zog Verbindungslinien zwischen den Galaxien. Einzelne Sterne, die er längere Zeit berührte, funkelten so kräftig, dass sie der Kajüte Licht gaben. Und mit einem Mal begannen diese Sterne zu taumeln und bildeten fortwährend neue Formationen. Nun stiegen sie empor und sprangen in wechselndem Farbenspiel hin und her. Sie bildeten Schweife, die gleich darauf in flimmernde Teilchen zerbröselten. Ein Cello schluchzte, dann verstummte es vor Schreck, denn die Sterne berührten den Holländer und setzten ihm eine Krone aus glühendem Magma auf. Doch mussten sie feststellen, dass ihm das heiße Gestein nichts anhaben konnte. Voller Enttäuschung gestalteten sie ein ovales Gebilde, das einen Schleier ausspuckte, der sich um das Schiff legte. Beatrice sammelte leichenfahles Gewölk zu blitzendem Wetter, welches das Schiff wieder freifegte. Daraufhin brach sie in schallendes Gelächter aus.

„Siegfried kannte keine Angst, er wusste auch nichts von Schuld“ sagte der Holländer zu Daniel. „Dafür wurde er böse bestraft. Erst der Tod weckte ihm die Augen für das Leben. Er sah Brünnhilde, die auf flammendem Felsen aus tiefem Schlaf erwachte.

„Ach! Dieses Auge, ewig nun offen!
Ach, dieses Atems wonniges Wehen!
Süßes Vergehen, seliges Grauen:
Brünnhild‘ bietet mir – Gruß!“

Der Fluch aber, der mich traf, traf ihn nicht. Das brachte die Welt aus dem Gleichgewicht. Nichts ist mehr heilig. Selbst die Gestirne verlassen die ihnen zugewiesene Ordnung. Soeben erlebst Du es mit. Ein Komet rast herbei. Bald ist die Erde wüst und finster. Die Menschen streuen Asche auf ihr Haupt und rufen Gott, den sie lange genug vergessen haben, um Hilfe an. In der Hitze reißen sie sich die Kleider vom Leib. Sie paaren sich wie Karnickel, denn sie hoffen, die Kraft des Lebens sei stärker als der Fluch. Was für eine Täuschung! Draußen auf Bali wird es sein, wo der Komet aufschlägt. Und schon sind die furchtbaren Reiter wieder da. Ein exaltierter Hengst hetzt voran. Die Zügel hält Diabolus. Aus seinem silbernen Panzer winden sich acht Arme und zwei Köpfe. Jeder Kopf hat zwei Gesichter, zum einen das Profil des wilden Jägers, zum anderen das liebreizholdselige Antlitz der Elisabeth, die zugleich verrucht und heilig war. Heißa, wie die entfesselten Reiter Fackeln schleudern und ihre Sicheln strecken. Hinein ins Getümmel. Jo hoho, jo ho ohhe! Fort mit dem menschlichen Unrat, hinweg mit den hohlköpfigen Massen. Wer immer noch betet, dessen Kopf wird gespalten und das entbehrliche Hirn spritzt ins Gras. Dummheit, Torheit und Feigheit, Kälte im Herzen, alles fegen die apokalyptischen Mahner fort. Sie hinterlassen eine blutige Spur und das Zeitalter der Helden bricht an. Es mag Dich schrecken, aber sieh, sieh nur, wie die Sterne in mitreißendem Freudentaumel tanzen.“

Der Holländer schaute Daniel aus dunklen Schlitzen an. „Ich habe sie zerstört“ fuhr er fort, Beatrice, meine liebe Senta. Höre genau zu Daniel, achte auf meine Worte. Als ich es tat, zeigte sich die Macht des Fluches. Er sprang, von Gabriel gesteuert, aus meinem Schädel in Sentas Herz und schwirrte von dort in den Orbit. Die Stürme am Kap beruhigten sich, die Luft wurde klar und hellhörig, das sarkastische Lachen Kundrys war überall vernehmbar. Immer wenn seither ein Mensch sein Leben fortwirft, lacht Kundry. Dann verlangen Kinder nach Milch, prächtig gedeihen sie und schon sehnen sie sich in den Mutterschoß zurück. Dort aber lauert schon der Wecker, der das Feuer durchschritt und Brünnhilde küsste. Er freite die Braut, denn er war freier als der traurige Gott, dessen Speer ihr beim Abschied die Augen geschlossen hatte. Nimm diese Kampfansage auf Daniel! Tu es für Beatrice und erlöse Senta, meine holde Senta, mein Engel, mein ein und alles!

„Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten
spricht dieses Mädchens Bild zu mir“

Aber genug davon, aus und vorbei. Alles vertan und verspielt, denn die ganze Welt habe ich gewonnen, aber mich selbst und was mir lieb und teuer war verloren. Mit bösem Zoll zahlte ich für mein Verlangen, den Kern der Schöpfung zu verstehen. Oh ja, es gelang mir, ihn zu spalten, draußen am Kap passierte es. Die freie Energie bildete einen Rauchpilz, der sich zum gefräßigen Monster verwandelte. Das Monster wurde zum Fluch, riss sein Maul auf und verschlang die einzige Frau, die mich liebte. Doch die Dinge sind endgültig, die schwankenden Gestalten verabschieden sich und eisige Kälte umgibt die Welt. Ich muss fort, bevor ich es nun allerdings vergesse mein Junge, will ich Dich von Herrn Daland ganz herzlich grüßen. Er ist putzmunter und ein prächtiger Kerl. Mach´s also in diesem Sinne gut mein lieber Junge, ich wünsche, dass Dir ein glücklicherer Stern als mir leuchten möge.“

Beatrice nahm den Holländer bei der Hand. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn und drückte ihn ganz fest an sich.

„Preis‘ deinen Engel und sein Gebot!
Hier steh‘ ich, treu dir bis zum Tod!“

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