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Aber wie ein Blitz fährt der Leguan dazwischen


„Wir Tiere kennen keine Zeit. Beobachten wir den Anfang, begreifen wir bereits das Ende. Wir kennen auch keinen Raum. Auf den fernsten Galaxien haben wir Freunde und tauschen uns mit ihnen vom Grund der Ozeane aus. Denn das Meer ist so tief, wie der fernste Stern weit ist. Mit jedem Deinonychus, den ihr tötet, vernichtet ihr auch ein fernes Geschlecht. Und doch seid ihr so erbärmlich, dass ihr diesen Lebewesen nichts anhaben könnt. Sie fallen in traumlosen Schlaf. Ihre Körper lösen sich in nichts auf. Tatsächlich waren sie nie existent. Ihr dagegen modert und stinkt im Grab. Euer böser Geist wütet in dem faulenden Fleisch, das ihr zum Fetisch erhoben habt. Traumlosen Schlaf wird es für euch nicht geben. Ihr seid die einzigen Kreaturen im Universum, die aus dem Paradies vertrieben wurden. Es gibt für euch keine Rückkehr! Schlimmer noch, der Ichthyosauria steigt aus den Fluten und ein Grausen, das die Visionen eurer größten Denker übersteigt, wird den gesamten Erdball erfassen. Es hat schon begonnen, doch was ihr beobachtet ist nur der Anfang eines großartigen Geschehens. Ihr habt euch bequem eingerichtet und geglaubt, das sei von Dauer. Jetzt schlägt die Natur zurück und es ist mehr als das Walten der Natur, der Schöpfer selber greift ein. Über die Jahrtausende hat er geschwiegen und zugesehen, wie ihr die Schönheit seines Werkes verunstaltet habt. Die Meere sind verseucht, die herrlichsten Blumen verschwunden und der Regenwald, der uns Leguanen Schutz bot, wurde abgeholzt, damit ihr genug zu fressen habt. Die verrußte Atmosphäre verdeckt die Klarheit des Firmaments. Das Leuchten der Sterne bleibt euch daher verborgen, aber ihr vermisst es in eurer Eitelkeit nicht. Wenn der Himmel weint, entwickelt ihr Notfallpläne, statt ihn zu trösten. Die Liebe habt ihr mit enthemmter Lust ausgelöscht. Alles ist erlaubt, aber nichts mehr ist euch heilig. Um euer Gewissen zu beruhigen, streichelt ihr die Schwachen und schlagt die Starken. Damit vernichtet ihr die Kraft, die Gott euch geschenkt hat. Selbst die Sprache lasst ihr verkommen, damit ihr euch auf niedrigstem Niveau wie räudige Hunde bellend verständigen könnt. Es geht noch weiter. Irgendwann wollt ihr nur noch im Dialog der Zahlen eins und zwei kommunizieren. Tief unter der Erde basteln gefühllose Hirne an entsprechenden Machinen. Aber in eurer Dummheit merkt ihr das nicht. Sofern ihr einmal auf etwas verzichtet, dann nur deshalb, weil das so moralisch ist. Und mit der Moral geht ihr einkaufen. Was wir Tiere einzig von euch gelernt haben, ist das Kotzen. Wir kotzen mittlerweile besser als ihr.“

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Tristan (August von Platen)


Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen,
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!

Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!

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Von der Einsamkeit


Einsamkeit ist grausam! Einsamkeit ist nicht das Gleiche wie alleine sein. Einsamkeit entsteht durch die Verweigerung der Konversation durch Menschen, deren Geist entweder autistisch egozentrisch oder abgeschlafft ist. Diese Menschen besitzen keine Neugierde, nichts um sie herum interessiert sie, es sei denn, es könnte von Vorteil sein. Sagt man etwas, lautet die Antwort „mag sein“, „wird schon stimmen“, „ist halt Deine Meinung“, „davon verstehe ich nichts“ oder weitere Konversationskiller. Ich werde nie begreifen, dass es möglich ist, die Welt mit allen ihren Wundern für langweilig zu halten. Noch schlimmer aber sind die Verstandesmenschen. Für diese gibt ein Gespräch nur Sinn, sofern es zu einem Ergebnis führt. Alles Weitere ist in deren Spatzenhirn dummes Geschwätz. Demzufolge hätten zum Beispiel Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre ihr Leben mit dummem Geschwätz vergeudet. Oder was sollen die existenziellen Erschütterungen eines Dostojewski? Sind sie doch völlig ungeeignet, einen Kleingeist aus der Reserve zu locken. Also legt er das Buch zur Seite.

Derart beschriebene Wesen menschlicher Natur beschäftigen sich nicht mit dem Tod. Dabei kommt er unwiderruflich und zwar morgen schon, denn bekanntlich sind vor Gott tausend Jahre wie ein Tag. Das Heulen und Zähneknirschen in dem Moment, da die Welt schwindet, ist furchtbar. Doch könnte man im Frieden Abschied nehmen, würde man sich auf diesen Moment vorbereiten, das Leben als den Weg begreifen, der, richtig beschritten, in himmlische Gefilde führt. Ich habe die Gewissheit, dass es diese himmlischen Gefilde gibt. Das ist indes keine Frage des Glaubens. Es ist ein faktisches Wissen, geboren aus den Geheimnissen musikalischer oder literarischer Wunder, von deren Schöpfern aus der göttlichen Harmonie geborgt und als Geschenk, wenn auch unverdient, an die Menschheit weitergegeben. Jedoch, wer mag der „Ewige“ sein, von dem der Fliegende Holländer spricht. Ich bin begierig darauf, ihn bald kennen zu lernen. Da hilf ein wenig Zyankali! „Der Mensch ist nichts weiter als ein Stück Scheiße“ hat Luther angeblich gesagt. In diesem einzigen Punkt hätte er Recht gehabt.
„Vater vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Evangelien)
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Oh ewige, ewige, schöne Jugend:
Sie war grandios und sie wurde zur Tragödin. Dalida. Diese Frau feierte Triumpfe in der New Yorker Carnegie Hall und im Pariser „Olympia“. Im „Palais des Sports“, ebenfalls in Paris, gastierte sie als Revue-Star und wenige Jahre später überreichte man ihr für ihre unzähligen verkauften Platten die seltene diamantene Schallplatte. Selbst im fernen Ägypten, ihrem Geburtsland, waren ihre Konzerte ausverkauft.
Privat führte sie ein wechselvolles Leben mit außergewöhnlichen Höhen und Tiefen, das in seinen dunkelsten Stunden vom Freitod zweier Freunde geprägt war. Sie lebte mehrere Jahre in Indien, später auf Korsika und manche Jahre in Paris auf dem Montmartre. Überall fand sie vertraute Begleiter, die ihr Kraft zu neuen Lieder gab, eines herrlicher als das andere. „Am Tag als der Regen kam“, „Le temps des fleurs“ und vor allem der Chanson „Charme der kleinen Worte“ waren Höhepunkte.
Irgendwann hörte ich ihren größten Hit „Il venait d’avoir 18 ans“ und die Augen gingen mir über. Immer und immer wieder schwenkte ich mit rasendem Herzen den Plattenarm erneut zum Anfang der Platte um der Stimme einer Sängerin zu lauschen, die für mich der Inbegriff aller erotischen und narkotisierenden Fantasien war und zugleich einer Melancholie Ausdruck gab, wie sie nur wenigen empfindsamen Seelen zu eigen ist. Da erzählt eine erfahrene und schöne Frau von der Liebe einer einzigen Nacht zu einem Jungen, der gerade zum Mann reifte Sie durchwühlte sein weiches Haar, schaute in seine unschuldigen Augen und lauschte mit beklommenen Ahnungen seinen unbeholfenen Liebesschwüren.
„Ein Lächeln aus Verlegenheit,
ein Himmel voller Seligkeit,
so ist’s geschehen.“
Dann kam der Morgen, er zog wohlgemut von dannen und sie verstand, dass ihre Schwermut etwas mit dem Tod zu tun hatte.
„Der Sommer ging, als ich ihn sah,
die Nächte schon so nah,
die mir noch blieben.“
„Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben“, so lautet der Beginn eines Gedichtes mit dem Titel „Tristan“. Ich las es und dachte an Richard Wagners „Tristan und Isolde“ mit dem wundervollsten Opernschluss aller Zeiten, dem Liebestod Isoldes. Sinnlich morbider Zauber, hier wie dort.
Jahre später sah ich ein Video mit einem Auftritt Dalidas, es war wohl in Paris. Sie stieg in einem prachtvollen weißen Kleid eine Revuetreppe hinab und sang mit charmantem französischem Akzent „Er war gerade achtzehn Jahr“. Welch hohe schlanke Gestalt, welch anmutige Bewegung der Hände, welch wunderbares rotblondes Haar!
Wie gerne hätte ich sie da in den Arm genommen, die traurige Dalida, die im Mai 1987 ihrem Leben ein Ende setzte. . (Myself)
——————
Weiterhin nicht zu vergessen:
Dann gibt es noch die Menschen, die das Kreuz Christi auf sich genommen haben, in der Überzeugung, es alleine tragen zu müssen. Diese Leute zeichnen sich durch völlige Humorlosigkeit, insbesondere sich selber betreffend, aus. Sie umgeben sich mit der Aura des Tragischen. Bittet man sie um Rat, lächeln sie sanft und schweigen. Höchste Form der Aggression! Da sie in ihrem verzerrten Selbstbild glauben, im Leben zu kurz gekommen zu sein, solidarisieren sie sich mit den Schwachen, den Leistungsverweigerern und den Sozialschmarotzern. Das nennen sie Humanismus. Weisheit, Schönheit und Stärke sind ihnen nicht zugänglich. Deshalb sind sie so gefährlich, denn die Starken möchten sie am Galgen hängen sehen. Bei dieser Spezies Mensch handelt es sich nicht nur, aber überwiegend um Frauen. Vielleich ist das die Ursuppe, aus der der Feminismus moderner Art geboren wurde. Klar, sie stürzen sich mit roten Bäckchen in soziale Aufgaben, helfen hier und dort. Mangels Empathie für das Leid und den Schmerz anderer sind sie hervorragend in der Krankenpflege geeignet, denn was man nicht spürt, kann man auch ertragen. Sie gelten als gut, jedoch, ich fürchte mich vor ihnen!

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um. (Rainer Maria Rilke)

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Ein Abend in der Kölner Oper


Es war ein wundersamer Abend, ein solcher Abend, wie das Theater ihn nur dem Staunen eines siebenjährigen Jungen zu schenken vermag. Die Kölner Oper brachte „Les contes d’Hoffmann“  und ich erlebte die fantastischen Geschichten der mechanische Puppe Olympia, der Kurtisane Giulietta und der tragischen Wucht des  Antonia Aktes.  Gleich zu Beginn meiner kurzen Erzählung komme ich nicht umhin, zu erwähnen, dass mich Jahre später  Wotans Abschied in der Walküre oder Don Giovannis Höllenfahrt an den  Abgrund führten, in den man tunlichst nicht hineinschauen sollte. Und doch bleibt mir Offenbachs Oper bis heute das Bedeutendste, das mir die Bühne gab. Die Studenten zechten und lärmten, der rabenschwarze Geheimrat Lindorf hatte seinen ersten Auftritt hinter sich und nun wurde es ganz still. „Le nom de la première était Olympia!“ sinnierte Hoffmann mit Domingos prachtvollem Tenor, der sich in lyrische Höhe schwang. Placido Domingo, der damals wirklich in Köln gesungen hatte, interpretierte den Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann mit überwältigend kraftvollem Gesang und szenischer Präsenz. Jetzt tauchte Luthers Weinstube in die Tiefen der Hinterbühne, derweil aus den Seitenbühnen Spalanzanis Kabinett zur Mitte fuhr. Der Alptraum begann, wenngleich das Parkett sich zunächst in einer Operette wähnte. Denn eine Gesellschaft skuriller Gäste bevölkerte jauchzend das Haus des absonderlichen Physikers. Man lachte, dinierte und tanzte. Doch Coppelius erschien. Das war der Teufel, ich wusste es. Es war der Sandmann aus dem Schauerroman, den ich zwischen den vergilbten Büchern daheim entdeckt und heimlich gelesen hatte. Zudem stellte ihn die Musik mit den gleichen eisigen Klängen vor, die mir beim Auftritt des unheimlichen Lindorf Furcht bereitet hatten. Mir dämmerte, dass es in dieser Oper um etwas sehr Böses ging und ich schmiegte mich an die gute Mutter, die neben mir saß. Sie nahm mich bei der Hand. Das was ich sah und hörte war weiß Gott alles andere als eine Operette. Es war etwas Dunkles und Unerklärliches, mächtiger als die Sehnsucht des Dichters, der nichts weiter als geliebt sein wollte. Er schaute durch die trügerische Brille des Coppelius und sah ein bezauberndes Mädchen namens Olympia. Dies war tatsächlich eine Puppe, ein Automat, aus den Händen des wahnsinnigen Physikers Spalanzani geboren. Mit Hoffmann im Rausch seiner Täuschung  über die Bühne wirbelnd, musste ihr Uhrwerk mehrfach aufgezogen werden. Das Publikum amüsierte sich, mir aber blieb das Lachen im Halse stecken. Ich wusste, Coppelius würde gleich erscheinen. Schon war seine gespenstische Stimme zu vernehmen. Er riss Hoffmann die Brille von der Nase, zertrümmerte hasserfüllt die Puppe und schleuderte deren Körperteile in die Szene. Augenblicke des Schreckens folgten und da nun der Bühnenwagen in die Maschinerie sank, beleuchtete ein einzelner Verfolgungsscheinwerfer die Muse Nicklausse, die ihren Freund Hoffmann im leeren Raum umarmte. Sie hielt den Verzweifelten fest, ganz fest hielt sie ihn. Rasch fiel der Vorhang.

Ich folgte der Mutter ins Foyer. Sie sah mein blasses Gesicht. „Gefällt es Dir denn nicht?“ fragte sie besorgt. Ich schwieg, was hätte ich auch sagen sollen? Mein Kopf kreiste um die Fülle der Bilder und die unerhörte Musik. Wie konnte ein Mensch derartiges zu Papier bringen? Wer oder was hatte diesen begabten Geist inspiriert? War Offenbach  nicht lediglich ein in den Pariser Salons gefeierter Operettenkönig gewesen, ein dressiertes Äffchen, dem gemeinen Volk gefällig? Ich hatte mich doch vorbereitet, glaubte Bescheid zu wissen. Und nun das! Ich ahnte nicht das Entsetzliche, das mir jetzt erst begegnen sollte, da die Glocke zum zweiten Akt ertönte.

Die Lichter im Saal erloschen. Dramatisch schwere Klänge leiteten den Beginn des Antonia-Aktes ein. Antonia ohne Hoffnung auf Erlösung! Antonia mit zerfressener Brust! Antonia die große Liebe Hoffmanns! Antonia vom Teufel besessen! Sie sang verhalten und nur für Hoffmann  « C’est une chanson d’amour ;  Qui s’envole ; Triste ou folle ; Tour à tour ». Ihre Augen glitzerten und die Stimme erblühte. Doch sie durfte nicht singen. Die Schwindsucht hatte bereits ihre Mutter zerstört, weil sie nicht vom Singen lassen konnte. Die Mutter war Gilda, Manon, Leonore, Norma gewesen und hatte sich gar an die Elsa oder die Elisabeth gewagt. Doch blutiger Husten beendete ihr Leben wie das der Traviata in ihrer größten Rolle, derweil ihr von den Rängen der Staatsoper die Blumensträuße zuflogen. In Moment ihres Todes verstummten die von Crespel gebauten Geigen. Nie wieder schuf Crespel Geigen aber sorgsam achtete er darauf, dass seine Tochter Antonia nach dem Tod der geliebten Frau ebenfalls nicht mehr sang. Sie tat es dennoch, in diesem Tun gefördert von dem furchterregenden Doktor Mirakel, der schon Leibarzt der Mutter gewesen war. Ihn reizte Antonias Unschuld. Ganz in Weiß saß sie am Klavier, einem Engel gleich. Er musste sie zerstören! Meine Augen kullerten und ich dachte  daran, ob mich dereinst wohl auch der Teufel holen werde. In giftig grünem Glimmer stand Mirakel da und spielte lodernd auf Crespels verfluchter Violine. Antonias Gesang wurde leidenschaftlicher und inmitten dieser irrealen Szene stieg ihre Mutter aus dem prachtvollen Portrait, das die Wand gegenüber dem Fenster dekorierte. „Sing mein Kind, sing“! Die Bühne öffnete sich und gab den Blick aus der Perspektive der Bühnenrampe frei auf einen prall gefüllten Zuschauerraum über fünf Ränge. Was für ein beeindruckender Theatercoup! Antonia sang überirdisch schön, ihre Stimme ward zum Niederknien. Die fiktiven Zuhörer lagen ihr zu Füssen und drückten etliche Träne weg. Der Teufel aber trieb, begleitet vom Dämon der toten Mutter, sein Spiel bis zum bitteren Ende. Und da wusste ich, dass ich verloren war, der Magie des Theaters, die alles, was ist, in sich birgt, verfallen. Die Stränge von Crespels Geige rissen. Mirakels Danse Macabre tobte bloß noch auf der g-Saite, dafür aber umso erregter. Die Mutter riss die Arme empor und für einen flüchtigen Moment sah man ihren von der Tuberkulose zerfressenen Brustkorb. „Cher enfant que j’appelle comme autrefois, C’est ta mère, c’est elle, entends sa voix!“. Antonia vernahm es und sank blutig hustend nieder. Die grausige Vision war zu Ende. Die imaginäre Bühne verschwand und Antonia lag auf dem Boden ihrer Kammer. Ein Arzt erschien und stellte ihren Tod fest. Es war Mirakel selber. Der hilflose Crespel schluchzte „Ah! Dieu, mon enfant! ma fille!“. Verzweifelt legte der alte Mann eine letzte Geige auf Antonias geschundene Brust. Als nun das Orchester mächtig zur Terz emporstieg, wo die Violinen schwirrend verblieben während der übrige Sound auf der Tonika die Schlussakkorde hämmerte, begriff Hoffmann, dass ihm  erneut böse Mächte das Liebste genommen hatten. Diesmal aber war die Muse Nicklausse nicht zur Stelle!

In Luthers Weinstube herrschte Stille. Nur aus dem nahen Theater hörte man die Stimme Stellas, die im Don Giovanni sang. Endlich stand einer der Studenten auf und legte Hoffmann, der betrunken da saß, die Hand auf die Schulter. „Entsetzlich“ sagte er, mehr sagte er nicht. Lindorf lachte. „Lass uns bitte gehen“ bat ich die gute Mutter.

Dazu blieb indes keine Zeit, weil Hoffmann zu seiner dritten Erzählung anhub. Die Barcarolle zu Beginn „Belle nuit, ô nuit d’amour“ kannte ich schon. Überhaupt kannte ich eine ganze Menge Opernstücke, zum Beispiel  „Der Hölle Rache“ aus der Zauberflöte oder „Wir binden dir den Jungfernkranz“ aus dem Freischütz. Diese Bekanntschaft mit dem Genre ließ mich angenehm in den Sessel zurückfallen. Der Regisseur Jean-Pierre Ponnelle  hatte gezaubert und wie im Traum befand man sich in Venedig. Es gehörte zum Raffinement dieser Inszenierung, dass die Bühnenbilder zu Beginn jeder Erzählung Hoffmanns sowie der Handlungen in Luthers Weinstube aus den Kulissen hereingefahren wurden und zum Ende dort wieder verschwanden. Dazwischen sah man den bis zur Brandmauer aufgerissenen schwarzen Raum. Dort in der Tiefe glänzten jetzt bunte Lampignons, die zur Rampe strebten. Sie schmückten eine Gondel inmitten von San Marco. Darin saßen die Kurtisane Giulietta sowie Nicklausse, deren herrliches Duett von einem unsichtbaren Chor unter dem glitzernden Sternenhimmel aufgenommen wurde. Um was es genau in dieser letzten Erzählung ging, habe ich damals nicht verstanden. Natürlich waren wieder dunkle Mächte am Werk. Es erschien Dapertutto, derselbe Bösewicht wie Coppelius, Mirakel oder Lindorf. Er wollte Hoffmanns Seele, versinnbildlicht durch seinen Schatten, und ausgerechnet Giulietta, wieder einmal die Frau, für die Hoffmann entflammt war,  musste sie ihm verschaffen. Dann gab es noch den schleimigen Schlemihl. Hoffmann tötete ihn im Duell, keine Ahnung warum, denn von Rivalitäten im Milieu verstand ich nichts.

Im Übrigen streiten gelegentlich kluge Leute darüber, ob einige der Musiknummern, die mir besonders gut gefallen hatten, überhaupt von Offenbach stammten. Als ob das von Bedeutung wäre! Das gilt für Dapertuttos Arie vom Diamanten und für ein wunderschönes Sextett, das auf Wunsch des Publikums wiederholt wurde. Jedenfalls endete das Ganze damit, dass Nicklausse ihren Freund im letzten Moment, vor was auch immer, retten konnte. Zum Finale blieb, dass Hoffmann nun zum dritten Mal die Frau, die er begehrte, verloren hatte. Diesmal war ihr Name Giulietta gewesen.

Die meiste Freude bereitete meinen Nachbarn im Parkett ein seltsames Männlein, das durch alle drei Geschichten hüpfte. Es trug Namen wie Cochenille, Franz oder Pitichinaccio und brachte kabarettistische Nummern zu Gehör. „Typisch Offenbach“ zischelte ein kundiger Opernbesucher seiner Gattin ins Ohr. Ich fand das weder typisch noch komisch, denn selbst in der Hölle, im Inferno, wird den armen Seelen mancher Kurzweil geboten. Und dennoch bleibt die Hölle das, was sie ist, nämlich die Hölle!  „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ hatte Dante über den Eingang zum Ort der Verdammnis geschrieben.

Die Hölle Hoffmanns war der Alkohol. Von Bier und Wein betrunken saß der Dichter unter den Studenten, die er mit seinen Fantasien unterhalten und erschreckt hatte. Immer noch sang Stella nebenan die Donna Anna. Olympia, Giulietta und selbst die arme Antonia waren lediglich stellvertretend für Stella in Hoffmanns Leben getreten und von ihm geliebt worden. Oder war es gar die Liebe zur Musik von Mozarts Oper, dem unbegreiflichsten Wunder der Musikgeschichte? Vielleicht durfte man beides auch nicht trennen. Dafür bürgte die Muse Nicklausse, gesungen von Marilyn Horne, die mit einer betörenden Arie Hoffmann das zurückgab, was ihn auszeichnete, nämlich sein feinsinniges Künstlertum. Dennoch waren die Demütigungen des Dichters  nicht beendet. Aus dem Opernhaus drang der Schlussbeifall zum Don Giovanni hinüber. Schon stürzte Stella in die Weinstube, um Hoffmann, den sie ebenso wie er sie liebte, zu sehen. Erschrocken wich sie vor seinem jämmerlich aufgedunsenen Anblick zurück. Da nutzte der rabenschwarze Geheimrat  Lindorf, Mirakel, Coppelius sowie Dapertutto die Gelegenheit, um Hoffmanns Braut unter boshaftem Lachen zu entführen. Alles war aus. Vorhang, Ende!

Finis

Was uns Mittelmäßigen bleibt, sind die Werke des Dichters E. T. A. Hoffmann. Mit ewig jungem Herzen lesen wir „Die Elexiere des Teufels“, „Kreileriana“, „Klein Zaches“ oder „Nussknacker und Mausekönig“.  Da ergreift uns wieder die hinreißende Musik aus Jacques Offenbachs sagenhafter Oper,so wie einst, an diesem wundersamen Abend.

 

Bernhard Wunsch im Mai 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

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Zauber des Theaters


Hoffmanns Erzählungen

Eine Annäherung

 

Es war ein wundersamer Abend, ein solcher Abend, wie das Theater ihn nur dem Staunen eines siebenjährigen Jungen zu schenken vermag. Die Kölner Oper brachte „Les contes d’Hoffmann“  und ich erlebte die fantastischen Geschichten der mechanische Puppe Olympia, der Kurtisane Giulietta und der tragischen Wucht des  Antonia Aktes.  Gleich zu Beginn meiner kurzen Erzählung komme ich nicht umhin, zu erwähnen, dass mich Jahre später  Wotans Abschied in der Walküre oder Don Giovannis Höllenfahrt an den  Abgrund führten, in den man tunlichst nicht hineinschauen sollte. Und doch bleibt mir Offenbachs Oper bis heute das Bedeutendste, das mir die Bühne gab. Die Studenten zechten und lärmten, der rabenschwarze Geheimrat Lindorf hatte seinen ersten Auftritt hinter sich und nun wurde es ganz still. „Le nom de la première était Olympia!“ sinnierte Hoffmann mit Domingos prachtvollem Tenor, der sich in lyrische Höhe schwang. Placido Domingo, der damals wirklich in Köln gesungen hatte, interpretierte den Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann mit überwältigend kraftvollem Gesang und szenischer Präsenz. Jetzt tauchte Luthers Weinstube in die Tiefen der Hinterbühne, derweil aus den Seitenbühnen Spalanzanis Kabinett zur Mitte fuhr. Der Alptraum begann, wenngleich das Parkett sich zunächst in einer Operette wähnte. Denn eine Gesellschaft skuriller Gäste bevölkerte jauchzend das Haus des absonderlichen Physikers. Man lachte, dinierte und tanzte. Doch Coppelius erschien. Das war der Teufel, ich wusste es. Es war der Sandmann aus dem Schauerroman, den ich zwischen den vergilbten Büchern daheim entdeckt und heimlich gelesen hatte. Zudem stellte ihn die Musik mit den gleichen eisigen Klängen vor, die mir beim Auftritt des unheimlichen Lindorf Furcht bereitet hatten. Mir dämmerte, dass es in dieser Oper um etwas sehr Böses ging und ich schmiegte mich an die gute Mutter, die neben mir saß. Sie nahm mich bei der Hand. Das was ich sah und hörte war weiß Gott alles andere als eine Operette. Es war etwas Dunkles und Unerklärliches, mächtiger als die Sehnsucht des Dichters, der nichts weiter als geliebt sein wollte. Er schaute durch die trügerische Brille des Coppelius und sah ein bezauberndes Mädchen namens Olympia. Dies war tatsächlich eine Puppe, ein Automat, aus den Händen des wahnsinnigen Physikers Spalanzani geboren. Mit Hoffmann im Rausch seiner Täuschung  über die Bühne wirbelnd, musste ihr Uhrwerk mehrfach aufgezogen werden. Das Publikum amüsierte sich, mir aber blieb das Lachen im Halse stecken. Ich wusste, Coppelius würde gleich erscheinen. Schon war seine gespenstische Stimme zu vernehmen. Er riss Hoffmann die Brille von der Nase, zertrümmerte hasserfüllt die Puppe und schleuderte deren Körperteile in die Szene. Augenblicke des Schreckens folgten und da nun der Bühnenwagen in die Maschinerie sank, beleuchtete ein einzelner Verfolgungsscheinwerfer die Muse Nicklausse, die ihren Freund Hoffmann im leeren Raum umarmte. Sie hielt den Verzweifelten fest, ganz fest hielt sie ihn. Rasch fiel der Vorhang.

Ich folgte der Mutter ins Foyer. Sie sah mein blasses Gesicht. „Gefällt es Dir denn nicht?“ fragte sie besorgt. Ich schwieg, was hätte ich auch sagen sollen? Mein Kopf kreiste um die Fülle der Bilder und die unerhörte Musik. Wie konnte ein Mensch derartiges zu Papier bringen? Wer oder was hatte diesen begabten Geist inspiriert? War Offenbach  nicht lediglich ein in den Pariser Salons gefeierter Operettenkönig gewesen, ein dressiertes Äffchen, dem gemeinen Volk gefällig? Ich hatte mich doch vorbereitet, glaubte Bescheid zu wissen. Und nun das! Ich ahnte nicht das Entsetzliche, das mir jetzt erst begegnen sollte, da die Glocke zum zweiten Akt ertönte.

Die Lichter im Saal erloschen. Dramatisch schwere Klänge leiteten den Beginn des Antonia-Aktes ein. Antonia ohne Hoffnung auf Erlösung! Antonia mit zerfressener Brust! Antonia die große Liebe Hoffmanns! Antonia vom Teufel besessen! Sie sang verhalten und nur für Hoffmann  « C’est une chanson d’amour ;  Qui s’envole ; Triste ou folle ; Tour à tour ». Ihre Augen glitzerten und die Stimme erblühte. Doch sie durfte nicht singen. Die Schwindsucht hatte bereits ihre Mutter zerstört, weil sie nicht vom Singen lassen konnte. Die Mutter war Gilda, Manon, Leonore, Norma gewesen und hatte sich gar an die Elsa oder die Elisabeth gewagt. Doch blutiger Husten beendete ihr Leben wie das der Traviata in ihrer größten Rolle, derweil ihr von den Rängen der Staatsoper die Blumensträuße zuflogen. In Moment ihres Todes verstummten die von Crespel gebauten Geigen. Nie wieder schuf Crespel Geigen aber sorgsam achtete er darauf, dass seine Tochter Antonia nach dem Tod der geliebten Frau ebenfalls nicht mehr sang. Sie tat es dennoch, in diesem Tun gefördert von dem furchterregenden Doktor Mirakel, der schon Leibarzt der Mutter gewesen war. Ihn reizte Antonias Unschuld. Ganz in Weiß saß sie am Klavier, einem Engel gleich. Er musste sie zerstören! Meine Augen kullerten und ich dachte  daran, ob mich dereinst wohl auch der Teufel holen werde. In giftig grünem Glimmer stand Mirakel da und spielte lodernd auf Crespels verfluchter Violine. Antonias Gesang wurde leidenschaftlicher und inmitten dieser irrealen Szene stieg ihre Mutter aus dem prachtvollen Portrait, das die Wand gegenüber dem Fenster dekorierte. „Sing mein Kind, sing“! Die Bühne öffnete sich und gab den Blick aus der Perspektive der Bühnenrampe frei auf einen prall gefüllten Zuschauerraum über fünf Ränge. Was für ein beeindruckender Theatercoup! Antonia sang überirdisch schön, ihre Stimme ward zum Niederknien. Die fiktiven Zuhörer lagen ihr zu Füssen und drückten etliche Träne weg. Der Teufel aber trieb, begleitet vom Dämon der toten Mutter, sein Spiel bis zum bitteren Ende. Und da wusste ich, dass ich verloren war, der Magie des Theaters, die alles, was ist, in sich birgt, verfallen. Die Stränge von Crespels Geige rissen. Mirakels Danse Macabre tobte bloß noch auf der g-Saite, dafür aber umso erregter. Die Mutter riss die Arme empor und für einen flüchtigen Moment sah man ihren von der Tuberkulose zerfressenen Brustkorb. „Cher enfant que j’appelle comme autrefois, C’est ta mère, c’est elle, entends sa voix!“. Antonia vernahm es und sank blutig hustend nieder. Die grausige Vision war zu Ende. Die imaginäre Bühne verschwand und Antonia lag auf dem Boden ihrer Kammer. Ein Arzt erschien und stellte ihren Tod fest. Es war Mirakel selber. Der hilflose Crespel schluchzte „Ah! Dieu, mon enfant! ma fille!“. Verzweifelt legte der alte Mann eine letzte Geige auf Antonias geschundene Brust. Als nun das Orchester mächtig zur Terz emporstieg, wo die Violinen schwirrend verblieben während der übrige Sound auf der Tonika die Schlussakkorde hämmerte, begriff Hoffmann, dass ihm  erneut böse Mächte das Liebste genommen hatten. Diesmal aber war die Muse Nicklausse nicht zur Stelle!

In Luthers Weinstube herrschte Stille. Nur aus dem nahen Theater hörte man die Stimme Stellas, die im Don Giovanni sang. Endlich stand einer der Studenten auf und legte Hoffmann, der betrunken da saß, die Hand auf die Schulter. „Entsetzlich“ sagte er, mehr sagte er nicht. Lindorf lachte. „Lass uns bitte gehen“ bat ich die gute Mutter.

Dazu blieb indes keine Zeit, weil Hoffmann zu seiner dritten Erzählung anhub. Die Barcarolle zu Beginn „Belle nuit, ô nuit d’amour“ kannte ich schon. Überhaupt kannte ich eine ganze Menge Opernstücke, zum Beispiel  „Der Hölle Rache“ aus der Zauberflöte oder „Wir binden dir den Jungfernkranz“ aus dem Freischütz. Diese Bekanntschaft mit dem Genre ließ mich angenehm in den Sessel zurückfallen. Der Regisseur Jean-Pierre Ponnelle  hatte gezaubert und wie im Traum befand man sich in Venedig. Es gehörte zum Raffinement dieser Inszenierung, dass die Bühnenbilder zu Beginn jeder Erzählung Hoffmanns sowie der Handlungen in Luthers Weinstube aus den Kulissen hereingefahren wurden und zum Ende dort wieder verschwanden. Dazwischen sah man den bis zur Brandmauer aufgerissenen schwarzen Raum. Dort in der Tiefe glänzten jetzt bunte Lampignons, die zur Rampe strebten. Sie schmückten eine Gondel inmitten von San Marco. Darin saßen die Kurtisane Giulietta sowie Nicklausse, deren herrliches Duett von einem unsichtbaren Chor unter dem glitzernden Sternenhimmel aufgenommen wurde. Um was es genau in dieser letzten Erzählung ging, habe ich damals nicht verstanden. Natürlich waren wieder dunkle Mächte am Werk. Es erschien Dapertutto, derselbe Bösewicht wie Coppelius, Mirakel oder Lindorf. Er wollte Hoffmanns Seele, versinnbildlicht durch seinen Schatten, und ausgerechnet Giulietta, wieder einmal die Frau, für die Hoffmann entflammt war,  musste sie ihm verschaffen. Dann gab es noch den schleimigen Schlemihl. Hoffmann tötete ihn im Duell, keine Ahnung warum, denn von Rivalitäten im Milieu verstand ich nichts.

Im Übrigen streiten gelegentlich kluge Leute darüber, ob einige der Musiknummern, die mir besonders gut gefallen hatten, überhaupt von Offenbach stammten. Als ob das von Bedeutung wäre! Das gilt für Dapertuttos Arie vom Diamanten und für ein wunderschönes Sextett, das auf Wunsch des Publikums wiederholt wurde. Jedenfalls endete das Ganze damit, dass Nicklausse ihren Freund im letzten Moment, vor was auch immer, retten konnte. Zum Finale blieb, dass Hoffmann nun zum dritten Mal die Frau, die er begehrte, verloren hatte. Diesmal war ihr Name Giulietta gewesen.

Die meiste Freude bereitete meinen Nachbarn im Parkett ein seltsames Männlein, das durch alle drei Geschichten hüpfte. Es trug Namen wie Cochenille, Franz oder Pitichinaccio und brachte kabarettistische Nummern zu Gehör. „Typisch Offenbach“ zischelte ein kundiger Opernbesucher seiner Gattin ins Ohr. Ich fand das weder typisch noch komisch, denn selbst in der Hölle, im Inferno, wird den armen Seelen mancher Kurzweil geboten. Und dennoch bleibt die Hölle das, was sie ist, nämlich die Hölle!  „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ hatte Dante über den Eingang zum Ort der Verdammnis geschrieben.

Die Hölle Hoffmanns war der Alkohol. Von Bier und Wein betrunken saß der Dichter unter den Studenten, die er mit seinen Fantasien unterhalten und erschreckt hatte. Immer noch sang Stella nebenan die Donna Anna. Olympia, Giulietta und selbst die arme Antonia waren lediglich stellvertretend für Stella in Hoffmanns Leben getreten und von ihm geliebt worden. Oder war es gar die Liebe zur Musik von Mozarts Oper, dem unbegreiflichsten Wunder der Musikgeschichte? Vielleicht durfte man beides auch nicht trennen. Dafür bürgte die Muse Nicklausse, gesungen von Marilyn Horne, die mit einer betörenden Arie Hoffmann das zurückgab, was ihn auszeichnete, nämlich sein feinsinniges Künstlertum. Dennoch waren die Demütigungen des Dichters  nicht beendet. Aus dem Opernhaus drang der Schlussbeifall zum Don Giovanni hinüber. Schon stürzte Stella in die Weinstube, um Hoffmann, den sie ebenso wie er sie liebte, zu sehen. Erschrocken wich sie vor seinem jämmerlich aufgedunsenen Anblick zurück. Da nutzte der rabenschwarze Geheimrat  Lindorf, Mirakel, Coppelius sowie Dapertutto die Gelegenheit, um Hoffmanns Braut unter boshaftem Lachen zu entführen. Alles war aus. Vorhang, Ende!

Finis

Was uns Mittelmäßigen bleibt, sind die Werke des Dichters E. T. A. Hoffmann. Mit ewig jungem Herzen lesen wir „Die Elexiere des Teufels“, „Kreileriana“, „Klein Zaches“ oder „Nussknacker und Mausekönig“.  Da ergreift uns wieder die hinreißende Musik aus Jacques Offenbachs sagenhafter Oper,so wie einst, an diesem wundersamen Abend.

 

Bernhard Wunsch im Mai 2017

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2014 im Rückblick


Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 770 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 13 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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Endlich spricht der Leguan


Dass der Leguan sprechen konnte, hatte ich längst beobachtet. Erstmalig sprach er mich unmittelbar an. „Wir Tiere kennen keine Zeit. Beobachten wir den Anfang, begreifen wir bereits das Ende. Wir kennen auch keinen Raum. Auf den fernsten Galaxien haben wir Freunde und tauschen uns mit ihnen vom Grund der Ozeane aus. Denn das Meer ist so tief, wie der fernste Stern weit ist. Mit jedem Deinonychus, den ihr tötet, vernichtet ihr auch ein fernes Geschlecht. Und doch seid ihr so erbärmlich, dass ihr diesen Lebewesen nichts anhaben könnt. Sie fallen in traumlosen Schlaf. Ihre Körper lösen sich in nichts auf. Tatsächlich waren sie nie existent. Ihr dagegen modert und stinkt im Grab. Euer böser Geist wütet in dem faulenden Fleisch, das ihr zum Fetisch erhoben habt. Traumlosen Schlaf wird es für euch nicht geben. Ihr seid die einzigen Kreaturen im Universum, die aus dem Paradies vertrieben wurden. Es gibt für euch keine Rückkehr! Schlimmer noch, der Ichthyosauria
steigt aus den Fluten und ein Grausen, das die Visionen eurer größten Denker übersteigt, wird den gesamten Erdball erfassen. Es hat schon begonnen, doch was ihr beobachtet ist nur der Anfang eines großartigen Geschehens. Ihr habt euch bequem eingerichtet und geglaubt, das sei von Dauer. Jetzt schlägt die Natur zurück und es ist mehr als das Walten der Natur, der Schöpfer selber greift ein. Über die Jahrtausende hat er geschwiegen und zugesehen, wie ihr die Schönheit seines Werkes verunstaltet habt. Die Meere sind verseucht, die herrlichsten Blumen verschwunden und der Regenwald, der uns Leguanen Schutz bot, wurde abgeholzt, damit ihr genug zu fressen habt. Die verrußte Atmosphäre verdeckt die Klarheit des Firmaments. Das Leuchten der Sterne bleibt euch daher verborgen, aber ihr vermisst es in eurer Eitelkeit nicht. Wenn der Himmel weint, entwickelt ihr Notfallpläne, statt ihn zu trösten. Die Liebe habt ihr mit enthemmter Lust ausgelöscht. Alles ist erlaubt, aber nichts mehr ist euch heilig. Um euer Gewissen zu beruhigen, streichelt ihr die Schwachen und schlagt die Starken. Damit vernichtet ihr die Kraft, die Gott euch geschenkt hat. Selbst die Sprache lasst ihr verkommen, damit ihr euch auf niedrigstem Niveau wie räudige Hunde bellend verständigen könnt. Es geht noch weiter. Irgendwann wollt ihr nur noch im Dialog der Zahlen eins und zwei kommunizieren. Tief unter der Erde basteln gefühllose Hirne an entsprechenden Machinen. Aber in eurer Dummheit merkt ihr das nicht. Sofern ihr einmal auf etwas verzichtet, dann nur deshalb, weil das so moralisch ist. Und mit der Moral geht ihr einkaufen. Was wir Tiere einzig von euch gelernt haben, ist das Kotzen. Wir kotzen mittlerweile besser als ihr.“

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