Monatsarchiv: November 2014

Auf den Spuren des Leguans


„Kommt mal alle nach oben“ schallte die Stimme des frisch gekürten Kapitäns aus dem Bordlautsprecher. Wir befanden uns in den Gewässern der Malediven. Zuerst dachte ich, ein schwarzes Tuch, das, wie man es vom Theater kennt, durch Bodendüsen in wallender Bewegung gehalten würde, läge über dem Wasser. Dann erkannte ich tausende und abertausend Manta-Rochen. Die Herde schwamm in Richtung der Insel Kuramathi, auf der sich zwischen Kokospalmen schicke Touristenressorts der Extraklasse versteckten. Die Urlauber waren am Strand versammelt und winkten uns aufgeregt zu. In ihren Gesichtern spiegelte sich panisches Entsetzen. Ich sah durch mein Fernglas. Die gesamte Insel war mit gesprenkelten Eiern bedeckt. Sie lagen in Schichten aufeinander. Es knackte unaufhörlich, denn merkwürdig Geschöpfe schlüpften aus den Eiern. Sie ähnelten Geckos, hatte aber Flügel und Schwanzflossen. Ihre Schuppenhaut war weiß. „Das darf nicht wirklich wahr sein“ murmelte der Steuermann. „Wir wollen uns davonmachen.“ Die Matrosen hielten mit Stangen die herbeischwimmenden Menschen davon ab, das Schiff zu entern und sich in Sicherheit zu bringen. Demzufolge soffen die Schönen und Reichen ab.

Wie auf ein geheimes Kommando stürmten die Manta-Rochen die Insel. Sie walzten über die Eier hinweg. Ihre Kopfflossen sammelten die quiekenden Geckos ein und brachten sie zu einem kleinen Hügel am östlichen Rand der Insel. Dann schlitterten sie durch das glibbernde Eiweiß zum Ufer zurück. Die meisten erstickten auf dem Weg, wenige flutschten ins Wasser, wo sie das kommende Schauspiel gemeinsam mit rostroten Kraken und riesigen Würmern, die sich zuvor an den Leichen gelabt hatten, beobachteten. Die See bebte. Der Hügel brach wie eine geteilte Frucht auseinander. Lava schoss in die Höhe. Sie brachte eine Kreatur ans Licht, die einem kolossalen Drusenkopf ähnelte. Das Ungeheuer barg fürsorglich die Geckos, als seien sie das eigene Gezücht. Jetzt krachten seine Tatzen hinab. Kuramathi versank. Das Meer brodelte und schluckte die gesamte Inselgruppe der Malediven. Unser Frachter schlingerte, aber er hielt.

„Mon Dieu“ schrie Dominic an der Maschine, „volle Kraft voraus“. Der Kapitän zitterte. „So also setzt der Leguan seine Spuren“ japste er.

Das Schiff vibrierte unter dem Hämmern der Kolben und floh Richtung Südost. Ich notierte die Geschehnisse.

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