Monatsarchiv: Oktober 2014

Heinrich Heine „Die Memorien des Herrn von Schnabelewopski“


„Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiss bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann, und jetzt schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt. Begegnet es einem anderen Fahrzeuge, so kommen einige von der unheimlichen Mannschaft in einem Boote herangefahren und bitten, ein Paket Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese Briefe muss man an den Mastbaum festnageln, sonst widerfährt dem Schiffe ein Unglück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen am Fockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert, die man gar nicht kennt, oder die längst verstorben, so dass zuweilen der späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seine Urgroßmutter gerichtet ist, die schon seit hundert Jahren im Grabe liegt. Jenes hölzerne Gespenst, jenes grauenhafte Schiff führt seinen Namen von seinem Kapitän, der Holländer war.“

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Das Schweigen


Daniel befand sich in der Wohnküche mit der geblümten Tapete. Im zerstreuten Licht schwebten Staubpartikel um einen Tisch aus billigem Holz, auf dem das Frühstück stand. Daniel öffnete das Fenster und sah passierende Nebelschwaden. Riss das bleiche Gewölk, blinkten in der Ferne die Positionslichter eines Schiffes. Christiane und Michael setzten sich an den Tisch. Sie schienen den Jüngsten, der neben ihnen Platz nahm, nicht wahrzunehmen. Vielmehr schauten sie zu Boden und musterten die Strukturen des Linoleumbelages. Sie langweilten sich. Daniel erblickte den Bug eines Schiffes, der wie ein schwarzer Monolith aus dem Wasser ragte, gefährlich und lockend zugleich. Die Mutter sorgte sich unterdessen um Christiane und Michael. Von Daniel nahm sie keine Notiz. „Ich bin wieder da, Euer Daniel, freut Ihr Euch denn nicht?“ fragte er und erntete eisigen Schweigens. Vor dem Herrgottswinkel vertrockneten die Palmzweige. Ratternd setzte sich die Märklin Bahn in Bewegung. „Nimm Deine Sachen und geh, stör hier nicht weiter“ sagte die Mutter zu Daniel. Da begann er zu wühlen. Von überall kramte er Dinge hervor. Er nahm einen riesigen Koffer, in den alles hinein musste. Spielzeug und Bücher, Klamotten und Stofftierchen sowie unzählige Notizen, die niemand kannte. Ständig tauchten neue Gegenstände auf, der Koffer schien ein Fass ohne Boden. Daniel packte und packte. Sisyphos schaute zu. Jetzt warf das Schiff mit den blutroten Segeln direkt vor dem Fenster den Anker. „Ich verabschiede mich nun“, sagte Daniel zu Mutter, Schwester und Bruder. Keine Antwort. „Johohoe, johohohoe, hojohohoe, huissa“ riefen draußen die Seeleute. Der Fliegende Holländer trat ein und nahm Daniel an die Hand. „Nimm Deinen Koffer und komm mit“ so sprach er, „ich bringe Dich heim.“ Daniel blickte sich noch einmal um. Sie saßen immer noch apathisch dort, aber Michael hob leicht die Hand.

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Bei den Gräbern der Ravenswoods


In der Nähe von Rosebush gab es einst ein ausgedehntes Moor und mittendrin, gleich bei den Gräbern der Ravenswoods, lag ein halbverfallenes Schloss. Es war hellerleuchtet, denn eine gepuderte Festgesellschaft feierte die Hochzeit ihrer Lucia und gleichzeitig den eigenen Untergang, da die Epoche der Clans sich dem Ende zuneigte. Oben auf der Treppe erschien eine verwirrte Frau in einem blutverschmierten Kleid. Sie hielt ein Messer in der Hand. Dann begann sie zu singen: „Il dolce suone, spargi dámaro pianto“. Appoggiaturen der Flöte grundierten, umspielten und begleitete die wahnsinnige Melodie. Als die Raserei zum Gipfel strebte, trübte die Sängerin den Aufschwung zum Spitzenton, um diesen dann wie eine Knospe in Gold erblühen zu lassen. Die Zuschauer tobten und Daniel rieb sich die Augen. Er blickte hinauf zum Porträt und sah dort Lucia von Lammermoor, die vom Leben Abschied nahm, damit sie in white tomb bestattet werde. Violetta, Elsa, Leonore, Mimi, Adriana, Madeleine, La Gioconda und all die anderen Frauen hielten ihr schon einen Platz an der abendlichen Tafelrunde frei. Gabriel schmeckt das überhaupt nicht, aber irgendjemand legte eine Schellackplatte auf. Durch das Knistern des blauen Planeten erklang „O mio babbino caro“. Das war noch einmal die unbegreifliche Stimme der Maria Callas. Der Erzengel gab auf. So hörte Edgardo die Totenglocke und erstach sich. Er war ein biederer Mensch geblieben, vollkommen anders als seine geliebte Lucia, die im Einschlummern ein Gestirn taumeln sah. Das bestand aus blauem Licht und raste auf die ruinierte Erde zu. „Del ciel clemente un riso, la vita a noi sara“. Donizetti, der Komponist dieser Oper, verfiel wie seine Protagonistin dem Wahnsinn. Filmklappe runter! Aus!

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