Monatsarchiv: September 2014

Ein Ausflug nach Manila


Das Schiff flog dreimal um den Äquator. Es sank zwanzigtausend Meilen und zerstörte bei dieser Gelegenheit die Nautilus, das sagenumwobene Unterseeboot des noch rätselhafteren Kapitäns Nemo. Der konnte gerade eben im Nasenloch eines mit Tang bewachsenen Narwals fliehen. Die Stadt Atlantis kam -aus Sicht der Gelehrten verständlicher Weise- ungeschoren davor, denn deren Bewohner hatten die Tore geflutet, so dass die Zinnen und Kuppeln im trüben Wasser nicht erkennbar waren. Lormoral ließ es sich nicht nehmen, sein gesamtes Heer, das aus siebentausend aufgepumpten Kugelfischen bestand, in Reih und Glied zu stellen. Eine Seenadel pikste sie an, einen nach dem anderen. Das erzeugte ein höllisches Sirren und Flirren und die ausströmende Luft gab dem Schiff wieder Auftrieb. In der Bucht von Manila ging es vor Anker. Die wenigen Fischer, die zu dieser Stunde ihre Netze flickten, flohen vor Schrecken auf einen gigantischen Müllberg, an dem die Hütten der Elenden klebten. Es stank nach Fisch, Schweiß und Abfall. Dreckige Kinder hüteten Schweine, die Väter tranken Schnaps und die Mütter säuberten Kloaken, um darin die Wäsche zu waschen. Räudige Hunde fraßen herumstrolchende Kater und Daniel beobachtete, wie mehrere von ihnen einem riesengroßen Exemplar mit goldgepudertem Schnurrbart den Garaus machten.

Die Beleuchtung der gesamten Metropole erlosch, als Daniel ihre Vorstädte streifte. Der feuchten Nebel machte ihm zu schaffen und ständig stolperte er in der Dunkelheit über Kehricht oder verfing sich in Schlingpflanzen. Doch der Mond ging auf und erhellte stumpfsinnige Massen, die wie die lebenden Toten aus dem gleichnamigen Film von George A. Romero herumtorkelten. Jeder rempelte jeden an. Gedärme ausgeweideter Ratten und Ferkel dampften als Folge eines tropischen Gewitters in den regennassen Straßen. Die Zombies nutzte die Gelegenheit, sich zügig zu entleeren. Das Wasser spülte den Unrat davon. Kot, Föten und erstickte Hunde trieben ins Meer hinaus. Dort schnappten dürre Fische den Fraß, um in am Grund der See schleunigst wieder auszuschwemmen. Huren stiegen auf knatternde Motorräder und in einer Seitengasse sah Daniel eine Frau, die einen Sarg hinter sich herzog. Sie öffnete ihn und beförderte ein Skelett hervor, das sich erst in fleischige Schale, sodann in die Arme der Matrone warf. Sie schnäbelte an den Geschwüren ihres pockennarbigen Galans. Dann hieß sie ihn, beim Masturbieren wie ein Eber zu röcheln. Das klang in Daniels Ohren freilich erträglicher als das Keuchen der Alten, die nicht genug Orgasmen kriegen konnte. Endlich war sie zufrieden, warf den ausgelaugten Geck in den Sarg und sprang ebenfalls hinein. Drinnen zerfielen beide zu einem Häuflein Mist. An der nächsten Straßenecke durchbohrte sich ein lebensmüder Affe. Die Sache zog sich hin, denn der Dolch war für das Vorhaben ungeeignet. Ein Lump gab die Empfehlung, eine Glasscherbe zu benutzen, legte gleich selber Hand an und ritsch ratsch gurgelte der Schimpanse in den Tod. Seine Erektion erwies sich bei dem Versuch, den Leichnam in einen Gully zu werfen, als ausgesprochen hinderlich. Aber mit tatkräftiger Unterstützung zweier entjungferter Brautjungfern gelang es letzten Endes doch. Nebenan ging es weiter. Ein Greis hatte seinen gesamten Hausrat auf ein ebenso betagtes Fahrrad geladen, denn er war im Begriff, aufs Land zu ziehen, wo ihm seine fünf Kinder einen ruhigen Lebensabend schenken wollten. Liebevoll hatten sie ihm ein kleines Häuschen neben ihrem Gutshof eingerichtet und jetzt kamen sie ihm lustig schnatternd entgegengelaufen. Dem alten Mann flossen Freudentränen, denn damit hatte er nicht gerechnet. Es krachte und schepperte, wie es in Manila täglich vorkommt. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, sah man zwei ineinander verkeilte Busse. Die jungen Leute waren tot, alle fünf. Polizisten zogen ihre zerquetschten Körper unter den Bussen hervor und legte sie am Straßenrand nebeneinander. Ein kleines Mädchen faltete ihre Hände. Inmitten der zusammengelaufenen Menschenmenge stand Beatrice. Nein, diesmal lachte sie nicht. Sie hielt den verzweifelten Vater, der hilflos neben seinem Fahrrad stand, ganz fest, bis sein Zittern nachließ. Daniel sah seinen Papa, wie er die Mütze aufsetzte und niemals wiederkehrte. Er sah dessen Zittern und plötzlich sah er seine Mutter. Wie damals auf Sylt trug sie den zerschlissenen Mantel. In ihren Augen lag aller Schmerz dieser Welt. „Contessa, perdono“ flüsterte Mozart und notierte die schönste aller schönen Melodien.

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Der Besuch des Fliegenden Holländers


Aschblonder Mond, schwarzer Bergkristall und blaue Schatten formten sein Gesicht. Dunkel flutete das Haar, das in sorgfältig geknüpftem Geflecht den Boden zu berührte. Er trug einen Mantel aus Brokat, darunter eine Lederweste, weiße Kniebundhosen sowie rote Langschaftstiefel. Das schwarze Halstuch wurde von einem Rubin zusammengehalten und an den Händen funkelten Diamanten, jeweils tausend Karat schwer. Mit diesen gebot er dem Meer, das ihm grollte, zu schweigen. Lormoral gehorchte. Als erstes widmete der Holländer seine ganze Aufmerksamkeit den Folianten, die auf dem Boden umherlagen. Als zweites zeigte er zum Himmel, drehte sich wie ein Zauberpriester um die eigene Achse und nahm als drittes die Schreibfeder vom Tisch. Er zog Verbindungslinien zwischen den Galaxien. Einzelne Sterne, die er längere Zeit berührte, funkelten so kräftig, dass sie der Kajüte Licht gaben. Und mit einem Mal begannen diese Sterne zu taumeln und bildeten fortwährend neue Formationen. Nun stiegen sie empor und sprangen in wechselndem Farbenspiel hin und her. Sie bildeten Schweife, die gleich darauf in flimmernde Teilchen zerbröselten. Ein Cello schluchzte, dann verstummte es vor Schreck, denn die Sterne berührten den Holländer und setzten ihm eine Krone aus glühendem Magma auf. Doch mussten sie feststellen, dass ihm das heiße Gestein nichts anhaben konnte. Voller Enttäuschung gestalteten sie ein ovales Gebilde, das einen Schleier ausspuckte, der sich um das Schiff legte. Beatrice sammelte leichenfahles Gewölk zu blitzendem Wetter, welches das Schiff wieder freifegte. Daraufhin brach sie in schallendes Gelächter aus.

„Siegfried kannte keine Angst, er wusste auch nichts von Schuld“ sagte der Holländer zu Daniel. „Dafür wurde er böse bestraft. Erst der Tod weckte ihm die Augen für das Leben. Er sah Brünnhilde, die auf flammendem Felsen aus tiefem Schlaf erwachte.

„Ach! Dieses Auge, ewig nun offen!
Ach, dieses Atems wonniges Wehen!
Süßes Vergehen, seliges Grauen:
Brünnhild‘ bietet mir – Gruß!“

Der Fluch aber, der mich traf, traf ihn nicht. Das brachte die Welt aus dem Gleichgewicht. Nichts ist mehr heilig. Selbst die Gestirne verlassen die ihnen zugewiesene Ordnung. Soeben erlebst Du es mit. Ein Komet rast herbei. Bald ist die Erde wüst und finster. Die Menschen streuen Asche auf ihr Haupt und rufen Gott, den sie lange genug vergessen haben, um Hilfe an. In der Hitze reißen sie sich die Kleider vom Leib. Sie paaren sich wie Karnickel, denn sie hoffen, die Kraft des Lebens sei stärker als der Fluch. Was für eine Täuschung! Draußen auf Bali wird es sein, wo der Komet aufschlägt. Und schon sind die furchtbaren Reiter wieder da. Ein exaltierter Hengst hetzt voran. Die Zügel hält Diabolus. Aus seinem silbernen Panzer winden sich acht Arme und zwei Köpfe. Jeder Kopf hat zwei Gesichter, zum einen das Profil des wilden Jägers, zum anderen das liebreizholdselige Antlitz der Elisabeth, die zugleich verrucht und heilig war. Heißa, wie die entfesselten Reiter Fackeln schleudern und ihre Sicheln strecken. Hinein ins Getümmel. Jo hoho, jo ho ohhe! Fort mit dem menschlichen Unrat, hinweg mit den hohlköpfigen Massen. Wer immer noch betet, dessen Kopf wird gespalten und das entbehrliche Hirn spritzt ins Gras. Dummheit, Torheit und Feigheit, Kälte im Herzen, alles fegen die apokalyptischen Mahner fort. Sie hinterlassen eine blutige Spur und das Zeitalter der Helden bricht an. Es mag Dich schrecken, aber sieh, sieh nur, wie die Sterne in mitreißendem Freudentaumel tanzen.“

Der Holländer schaute Daniel aus dunklen Schlitzen an. „Ich habe sie zerstört“ fuhr er fort, Beatrice, meine liebe Senta. Höre genau zu Daniel, achte auf meine Worte. Als ich es tat, zeigte sich die Macht des Fluches. Er sprang, von Gabriel gesteuert, aus meinem Schädel in Sentas Herz und schwirrte von dort in den Orbit. Die Stürme am Kap beruhigten sich, die Luft wurde klar und hellhörig, das sarkastische Lachen Kundrys war überall vernehmbar. Immer wenn seither ein Mensch sein Leben fortwirft, lacht Kundry. Dann verlangen Kinder nach Milch, prächtig gedeihen sie und schon sehnen sie sich in den Mutterschoß zurück. Dort aber lauert schon der Wecker, der das Feuer durchschritt und Brünnhilde küsste. Er freite die Braut, denn er war freier als der traurige Gott, dessen Speer ihr beim Abschied die Augen geschlossen hatte. Nimm diese Kampfansage auf Daniel! Tu es für Beatrice und erlöse Senta, meine holde Senta, mein Engel, mein ein und alles!

„Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten
spricht dieses Mädchens Bild zu mir“

Aber genug davon, aus und vorbei. Alles vertan und verspielt, denn die ganze Welt habe ich gewonnen, aber mich selbst und was mir lieb und teuer war verloren. Mit bösem Zoll zahlte ich für mein Verlangen, den Kern der Schöpfung zu verstehen. Oh ja, es gelang mir, ihn zu spalten, draußen am Kap passierte es. Die freie Energie bildete einen Rauchpilz, der sich zum gefräßigen Monster verwandelte. Das Monster wurde zum Fluch, riss sein Maul auf und verschlang die einzige Frau, die mich liebte. Doch die Dinge sind endgültig, die schwankenden Gestalten verabschieden sich und eisige Kälte umgibt die Welt. Ich muss fort, bevor ich es nun allerdings vergesse mein Junge, will ich Dich von Herrn Daland ganz herzlich grüßen. Er ist putzmunter und ein prächtiger Kerl. Mach´s also in diesem Sinne gut mein lieber Junge, ich wünsche, dass Dir ein glücklicherer Stern als mir leuchten möge.“

Beatrice nahm den Holländer bei der Hand. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn und drückte ihn ganz fest an sich.

„Preis‘ deinen Engel und sein Gebot!
Hier steh‘ ich, treu dir bis zum Tod!“

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Jorge Bucay


Quiero – Ich will Quiero que me oigas sin juzgarme
Ich will, dass du mir zuhörst, ohne über mich zu urteilen.
Quiero que opines sin aconsejarme
Ich will, dass du deine Meinung sagst, ohne mir Ratschläge zu erteilen.
Quiero que confíes en mí sin exigirme
Ich will, dass du mir vertraust, ohne etwas zu erwarten.
Quiero que me ayudes sin intentar decidir por mí
Ich will, dass du mir hilfst, ohne für mich zu entscheiden.
Quiero que me cuides sin anularme
Ich will, dass du für mich sorgst, ohne mich zu erdrücken.
Quiero que me mides sin proyectar tus cosas en mí
Ich will, dass du mich siehst, ohne dich in mir zu sehen.
Quiero que me abraces sin asfixiarme
Ich will, dass du mich umarmst, ohne mir den Atem zu rauben.
Quiero que me animes sin empujarme
Ich will, dass du mir Mut machst, ohne mich zu bedrängen.
Quiero que me sostengas sin hacerte cargo de mí
Ich will, dass du mich hältst, ohne mich festzuhalten.
Quiero que me protejas sin mentiras
Ich will, dass du mich beschützt, aufrichtig.
Quiero que te acerques sin invadirme
Ich will, dass du dich näherst, doch nicht als Eindringling.
Quiero que conozcas las cosas mías que más te disgusten
Ich will dass du all das kennst, was dir an mir missfällt.
Que las aceptes y no pretendas cambiarlas
Dass du all das akzeptierst… versuch es nicht zu ändern.
Quero que sepas…que hoy puedas contar conmigo…
Ich will, dass du weißt.. dass du heute auf mich zählen kannst..
Sin conditiones.
Bedingungslos.

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Don Giovanni, der bestrafte Wüstling


Mozart erwartete ihn schon. Er trug ein schwarzes Wams und ebensolche Knickerbocker. Strümpfe und Halstuch waren weiß, die Schuhe rot und der Zylinder gelb. Nebelschwaden umwölkten ihn und die Schatten von Furien geisterten umher.

« Don Giovanni a cenar teco
m’invitasti e son venuto! »

Er legte einen Stoß Noten ab. „Dir zur Demut“ schwatzte er. Daniel traute seinen Augen nicht, denn das, was er in Händen hielt, war die Partitur des „Don Giovanni“, der abgründigsten Schöpfung, die je entfesselt wurde. Wohlgemerkt, es handelte sich um die Originalpartitur! Deren Musik hatte seit ihrer Entstehung alles und jedermann aus dem Gleichgewicht gebracht und manch einer war an ihr zu Grunde gegangen. Die beklemmende moll-Einleitung der Ouvertüre mit ihren punktierten Rhythmen sowie auf- und absteigenden Tonketten sprengte alle Konventionen. Das war keine Musik, es war etwas vollkommen anderes, was die Menschen zu Gehör bekamen. Da standen die Geschöpfe des Unerklärbaren auf der Bühne, Donna Anna und Donna Elvira, Don Giovanni und Leporello, schließlich Masetto und die süße Zerlina. Sämtliche Akkord, ja jedwede Note liebte und streichelte diese Figuren. Don Ottavio sang berückend „dalla sua pace“ und das Wiener Publikum war mucksmäuschen still. In Prag trällerte man ostentativ mit, denn das trunksüchtige Volk slawischer Provinzen verstand besser als die gepuderten Laffen der Donaumonarchie die Abstürze der schwarzen Musik. Adel und Pöbel erlebten jene Melodie schöner als einen Regenbogen, in solchem Sinne nach unterschiedlichem Gout aber mit gleicher Apperzeption. Die Schönheit der Melodie barg allerdings bereits das klappernde Grauen in sich, nämlich die Endgültigkeit des Todes, der noch vor Mitternacht aus der Gruft steigen sollte.

Sie nahten sich wieder, die schwankenden Gestalten. Daniel fand sie in den gestochen scharfen Noten der Partitur. Er fand sie in den Punktierungen rhythmischer Stille und in den Fermaten pulsierenden Schwindels. Er fand sie in dem chromatischen Quartfall, in den Tänzen des Finales zum ersten Akt sowie im Andante alla breve, dessen Tempo die im Werden begriffenen Ahnungen vorantrieb. Mozart hatte verschiede Kommentare zwischen die Noten gekritzelt. Einmal bezeichnete er Donna Elvira als feuchte Schlampe, ein anderes Mal als gebenedeite Maid. Donna Anna erdrosselte sich mit den Perlendiademen ihrer Koloraturen, die sie unter Zuhilfenahme von Morphin zum Leben erweckt hatte. Ich benutze es selber erwähnte Mozart an dieser Stelle, es ist von höchster Vorzüglichkeit. Leporellos Lust war dagegen von gewöhnlicher Art. Er nahm den Schal, den Donna Elvira zu Boden geschleudert hatte, und strangulierte sich mit dem wollenen Fetisch, derweil er in geilster Erregung sein geliebtes Register studierte. In meiner Oper wird gehurt, gestöhnt und gefressen, mehr ist es nicht lautete die Anmerkung dazu. „Batti, batti, o bel Masetto“ zwitscherte Zerlina. Masetto tat es lediglich deshalb, um ihre eitrigen Striemen zu liebkosen. Als nun Kunstnebel auf die Bühne geblasen wurde, traten im schlichten Abgesang des zweiten Aktes schmierige Masken vor den Vorhang. Sie beweinten ihr tragisches Schicksal und freuten sich auf ein alltägliches Futurum. Nur Leporello wollte seinem Meister in den Abgrund folgen. Er sprang und das Licht ging aus. Keine Hand rührte sich zum Beifall.

Aber zuvor war die schwärzeste Musik der gesamten Opernliteratur erklungen. Aus dem Orchestergraben hämmerten eiskalte Akkorde, der Wind pfiff durch die Kulissen und der steinerne Gast erschien. Was nun folgte, war Rache ohne Erlösung. Es war die in Noten gesetzte Höllenfahrt am Tag des Jüngsten Gerichts. Das Monument des Komturs zog Don Giovanni mit eiserner Faust in den Orkus endgültiger Verdammnis. Mozart hatte für diese Schreckensszene eine Zwölftonreihe erdacht und in der Partitur farbig markiert. Daniel war der erste, der das zu sehen bekam. Das Unbegreifliche bestand darin, dass diese Struktur mit kontrapunktischer Magie verknüpft war, die die Dissonanzen harmonisch klingen ließ. So hörten die Menschen in Wien und Prag etwas Neues und verstanden nur das Alte. Damit waren sie überfordert. Die meisten verließen ratlos das Theater und Mozart kicherte.

Alles geriet durcheinander, wirr und grenzenlos. Die Kajüte hob sich in den Schnürboden und die Partitur erhielt ein blau grinsendes Gesicht, das ihre Fragmente ausspie. Hier ein g-Moll Akkord der Holzbläser, da der Seufzer einer Violine. Spritzende Ausgelassenheit in „Fin ch’han dal vino calda la testa“ und
hasserfüllter Furor in „or sai chi l´onore“. Was für eine Musik! Bauerburschen schwangen ihre Dreschflegel, drei Masken grüßten und tanzende Derwische schleuderten Fackeln in die Segelstangen des Gespensterschiffes. Ein nackter Mann mit Zipfelmütze brachte drei Grazien ein Mandolinenständchen dar. Es handelte sich um das Stück „Non più andrai, farfallone amoroso“ aus „Le nozze die Figaro“, das sich wohl verirrt hatte. Der Komtur hatte Pimen zu sich zitiert und diktierte ihm die Regieanweisung für die Höllenfahrt in die Feder. Die technischen Herausforderungen schienen immens, denn die Technik der Unterbühne war bei ihren letzten Test, dem Brand des Kapitols, kläglich gescheitert. Nun sollte es auf ein Neues gehen. Es wurde auch Zeit, denn der steinerne Gast reichte Don Giovanni bereits die kalte Hand. „Non si pasce di cibo mortale chi si pasce di cibo celeste“ sang er bei dieser Gelegenheit. Leporello, der bis dahin tapfer geblieben war, riss sich in Anbetracht der Feuersbrunst die Kleider vom Leib. Er bat alle heiligen Wesen, die ihm gerade einfielen, um Vergebung. Donna Anna erwachte aus ihrem Delirium, sah die furchtbare Bestrafung des Mannes, der sie geschändet hatte, und setzte sich eine weitere Spritze Morphin. Donna Elvira bestaunte den schönen Körper Leporellos. Dann bot sie ihm ihren Spitzenmieder, mit dem er blitzschnell seine Scham bedeckte. In diese ganzen Durcheinander behielt nur der atonale Bau der ungeheuerlichen Musik die Übersicht. Es kam zu einem Finale, das die Welt auf immer und ewig veränderte. „ De´perfidi la morte alla vita è sempre ugual“ ertönte es aus dem Abgrund. Nach dem letzten Akkord senkte Mozart die Fäuste. Er blickte ins hilflose Publikum und lachte. „Echauffiere er sich nicht“ sagte er zu Daniel angesichts dessen versteinerten Ausdrucks. „Diese Oper ist nichts weiter als dummes Zeug, schlichtweg purer Unfug.“

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