Monatsarchiv: August 2014

Arnas Liebestod


„Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie“

 

„Sie hieß Arna, das bedeutet „sinkende Nacht“ begann Nava mit leiser Stimme. „Wir liebten uns so sehr und oft nannte sie mich Arna. Dann küsste ich sie und sie wurde zu Nava. Nava und Arna, Arna und Nava, wie eng hielten wir uns umschlungen! Stets trug sie weiße Kleider, zumeist einen fließenden Sari, den ein dunkelrotes Band zusammenhielt. Aber unsere Liebe war verboten. Arna sollte die Frau eines Moguls werde, der weite Ländereien und große Reichtümer besaß. So flohen wir in den Osten unseres Landes in die riesige Stadt Kalikata, die heute Kalkutta heißt. Schon damals herrschte dort viel Armut. Aber bei den Ärmsten der Armen fanden wir die allerherzlichste Aufnahme. Wir lebten in elenden Hütten, oft auf kleinstem Raum, den wir mit der gesamten Familie und häufig auch mit Ziegen, Schweinen und Hühnern teilten. Arna besaß ein schwärmerisches Wesen, das ich nie verstand. In manchen Nächten fand ich sie an den Stamm eines Feigenbaums gelehnt. Dann hatte sie Gesicht und Hände mit weißer Farbe geschminkt. Gelegentlich malte sie an einem Bild, über das sie zu keiner Zeit reden wollte. Zu sehen waren die Konturen eines Wanderers, deren Züge von einem Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte, bedeckt waren. Im Hintergrund loderten alle Couleurs, die wir Inder kennen, vom brennenden Gelb bis zum .dunklen Abendrot. Arna war nie zufrieden und wählte ständig neue Farben, nur vor dem Blau hatte sie Angst. Hierzu muss man wissen, dass sowohl die Dämonen der Hölle als auch die mächtigen Hütern unserer Tempel, ja selbst Krishna, blaue Gesichter haben. Unseren frommen Hindus gefällt das bis heute, aber Arna war anders.

 

Man erwischte uns. Eines Tages hielt eine prächtige Kutsche genau vor jener Lehmhütte, in der wir uns sicher fühlten. Es gab keine sonderlichen Umstände. Arna wurde nachdrücklich von einem schnauzbärtigen Riesen mit einem gigantischen Turban aufgefordert, ihm nach Agra im Staat Rajashtan zu folgen. Ich begleitete sie. Es dauerte mehrere Wochen, bis wir Agra erreichten. Der Sommer nahte und die Feuchtigkeit der Luft wurde unerträglich. Das war umso schlimmer, als die Fenster der Kutsche geschlossen blieben. Wir sahen und hörten also nichts, bis wir endlich den Palast des Herrschers betraten und umgehend getrennt wurden. Erst am Tag ihres Todes sah ich Arna wieder.“

 

„Was passierte denn da?“ fragte der Frack mit den gelben Schuhen nach einer längeren Pause.

 

„Viele Monate später war die Hochzeit, zu der man über tausend Menschen geladen hatte. Die Luft war stickig, es roch nach Gewürzen, Kräuterschnäpsen aber auch nach den Ölen und Salben der Gäste. Ich erblickte die Familie des Bräutigams auf der Empore. Arna stieg an der Hand ihres unglücklichen Vaters hinauf. Sie trug Purpur, die Farbe, die sie so liebte. Wunderschön sah sie aus.

 

Der Mogul war sehr berühmt, daher gab es viele Reden. Arna ertrug es mit großer Tapferkeit. Bei den anschließenden Gebeten an die blauen Götter zog sie einen Schleier über die Augen und wandte sich ab. Niemand bemerkte das, denn zur gleichen Zeit wurden Speis und Trank aufgetischt. Es gab ein anstößiges Gelage zu den Klängen einer Hofkapelle, die österreichische Walzer spielte. Dies entsprach dem Willen des Bräutigams. Er hatte in Bregenz Alchemie studiert und sich dabei nicht nur mit den Damen, sondern auch mit der Kultur des fernen Landes angefreundet. Daher tauchten unter den Eingeladene auch Gardeoffiziere und Herren auf, die Halsbänder und hohe Zylinder trugen. Im dreiviertel Takt wirbelten sie unsere Frauen schwindlig und verschwanden mit ihnen in den Gärten des Palastes. In das folgende Japsen und Ächzen mischte sich das Schmatzen der übrigen Gäste. Gläser klirrten. Die Hitze forderte ihren Tribut. Einer nach dem anderen fiel um, derweil die Kapelle zu schmissigeren Weisen überging. Alle Verbliebenen zogen sich splitternackt aus und setzten Masken auf. Die Wächter des Shiva bemühten sich um Ordnung, es war zwecklos. Im orgiastischen Schwindel vergnügte sich die Meute an den zotteligen Terriern des Hausherrn. Selbst vor blauen Pfauen und Fasanen schreckte sie nicht zurück. Das Ganze überstieg meine Fantasie. So etwas hätte ich niemals für möglich gehalten. Ich glaubte mich in einem schlechten Traum, bis ich bemerkte, dass meine kleine Arna den Saal verlassen hatte.

 

Ich suchte sie. Der Palast war sehr weitläufig und ich irrte umher. Es waren die schlimmsten Minuten meines Lebens. Dunkle Gänge und leere Räume bestärkten meine Bangigkeit. Im oberen Geschoß ertönte greinender Singsang. Klageweiber hatten sich um ein rotes Tuch versammelt. Andauernd warfen sie sich zu Boden und durchwühlten ihr Haar. Als sie mich erkannten, zeigten sie auf eine Tür mit tausend himmelblauen Klinken. Krishna öffnete und ich trat ein.

 

Arna lag in den Armen Krishnas auf einem schneeweißen Teppich und verblutete. Sie hatte sich einen Dolch ins Herz gestoßen. Jetzt richtete sie sich auf und gab mir einen langen Kuss voller Liebe und Erlösung.

 

Du bist Arna, ich heiße Nava flüsterte sie. Wie schön Du bist!

 

Nun gehe ich in meine Heimat, wo die Mutter ist. Auf dem Sterbebett erzählte sie mir von einem bleichen Mann. Er wird auch Dir begegnen. Ich sehe ein Schiff, groß und rot. Eigentlich sind nur die Segel rot und schwarze Gestalten verbergen sich im Inneren. Du aber bist mitten unter ihnen. Sieh Dich vor Nava und denke immer an Deine kleine Arna, die nicht mit hinaus darf auf die wilde See. Der Sturm tobt, immer heftiger und lauter. Er packt mich und will mich über die Reling werfen. Halte mich fest, Nava. Es ist ein Sausen und Brausen, ungestümer Wellenschlag droht das Schiff zu erdrücken. Ein Anker fällt, aber schon treibt er wieder hinauf. Ekelhaftes Gewürm hängt in seiner Kette. Nattern und Vipern dringen an Deck und ringeln sich an mir empor. Ihre giftigen Zähne zerfetzen mir das Gesicht. Es ist vorbei!

 

Doch wie ist mir? Die Todesangst lässt nach. Ich sehe durch einen Tunnel und in der Ferne ein Licht. In diesem Licht werden wir uns wiedersehen geliebter Nava. Weine nicht. Es gibt in jenem weiten Land keine Schmerzen und keine Angst. Hörst Du, es gibt dort keine Angst. Lebe wohl Nava. Oh wie ich Dich liebe!

 

Sie starb. Ein Fremder kam da herein. Ein Greis im grauen Gewande, dem der Hut tief im Gesicht hing. Er drückte ihr die Augen zu. Dann nahm er mich bei der Hand. So kam auch ich auf dieses Schiff.“

 

Mit hochgezogenen Schultern und geröteten Wangen blickte der arme Junge in die Runde. Niemand sagte etwas, nur die Augen der vier schwarzen Männer flimmerten. Beatrice war bei Daniel und beide schauten zu, wie Arna zu den Sternen flog. Ein gütiger Gott zerteilte sie in kleine Stücke und des Himmels Antlitz strahlte schöner als je zuvor. „Du bist der fremde Mann, der bei ihr war, als sie starb“ sagte Nava zu Daniel, „jetzt erkenne ich Dich.“ Dann machte er kehrt und lief zu den übrigen, die sich bereits in ihre Krypta zurückgezogen hatten. Beatrice ging ebenfalls fort. Ein blonder Duft erblühte wie Morgentau.

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Po Ging, der dicke Chinese


„Wer verstünde mehr von der Oper als wir Chinesen?“ fragte Po Ging in die Runde, nachdem sich der Trubel gelegt hatte. Unsere Darsteller, nämlich Sheng, Dàn, Jing und Chou, machen nicht nur die Dinge richtig, sondern sie machen stets die richtigen Dinge, da sie ihre Empfindungen hinter Masken verbergen. So trinken wir während der Aufführung Tee und knacken Nüsse, bevor wir zufrieden nach Hause gehen. Liebestod und Walkürenritt gibt es bei uns nur im Ehebett oder auf dem Schlachtfeld. Die Bühne liefert bestenfalls die Pantomimen dazu. Schlaginstrumente begleiten Tanz, Akrobatik und Kampfkunst. Den Untergang eines Segelschiffes könnten wir gar nicht darstellen, denn es existieren weder Versenkungsmaschinen noch ein Schnürboden. Wir wollen das auch nicht, denn das Publikum bekäme schreckliche Angst und würde schreiend aus dem Theater laufen. Dagegen ist es glücklich, wenn auf dem Hintergrundprospekt der gelbe Mond aufgeht und scheue Jadehasen über die Rampe hoppeln. Geschmackvolle Seide mögen wir Feinen lieber als zotteliges Bärenfell oder gefetteten Lederwams.“

 

Er schaute den Fakir an.

 

„Nun bin ich ganz bei Dir, gelochter Hexenmeister, denn in jener kalten Winternacht, von der ich augenblicklich berichten will, war alles anders. Auf der Bühne drängelten sich Drachen, echte und solche aus Papier. In der Tradition unseres Landes hantierten sie mit Schießpulver und schossen Leuchtraketen in den Saal. Das war zu einer Zeit, als der Rest der Welt noch jedes Glühwürmchen bestaunte. Wir, damit ist meine zweiundneunzigköpfige Familie gemeint, blieben gelassen. Doch dann wehten segelartige Tücher über die Bühne und gaben nach sechs Stunden den Blick auf unser Dorf, das am Ufer des Flusses Ussuri lag, frei. Ein Sturm wütete. Jedermann vernahm die furchterregenden Gesänge einer Schiffsbesatzung. Das Theater brach auseinander und wir fanden uns auf dem Marktplatz wieder. Am Himmel zeichnete sich ein flatterndes Menetekel ab, das an Umfang zunahm, die Sonne verdunkelte und schließlich als doppelköpfiges Ungeheuer mit gewaltigen Schwingen daherkam. Es war der imperiale Drache Saraphir, ein entfernter Verwandter des Trollenkönigs, der Dir Daniel vertraut ist. Er ließ sich fauchend auf dem Hügel hinter unserem Friedhof nieder. Wir entzündeten Lampions und beteten zu unserem höchsten Gott, dem Jadekaiser. Aber rufe die Götter an und sie schweigen! Saraphir machte uns das Leben zur Hölle. Erst fraß er unser Vieh, dann die Kinder, zum Schluss die Frauen. Sein Rülpsen und Schmatzen ging uns, wenngleich wir selber derartige Tischsitten pflegten, gewaltig auf die Nerven. Das ungebührliche Gebaren unseres Besuchers verstanden wir nicht, denn Drachen verhalten sich wie Einhorn, Phönix und Schildkröte uns Menschen gegenüber ansonsten freundlich und hilfsbereit. Wir spekulierten somit, was wir verbrochen haben könnten. Schade lieber Salah, dass Du uns damals nicht zur Verfügung stehen konntest. Du hättest es gewusst! Oder sollten wir für unsere Redlichkeit büßen? Allerhochwohlgeborener Jadekaiser flehten wir erneut, sag es uns. In höchster Not erhielten wir von dem Erhabenen endlich ein Zeichen.“

 

Po Ging kniete nieder, spitze die Hände vor dem Gesicht und verneigte sich mehrfach. Er nutzte diese Gelegenheit, um kraftvoll in ein Tässchen zu spucken, welches ihm ein rabenschwarzer Matrose aus dem Senegal bereitgestellt hatte. Prustend und nach Luft schnappend brachte er sein seelisches Gleichgewicht wieder in Facon. Das ganze Schiff duftete nach Veilchen und Sandelholz, als er die verdrehten Augen zum Himmel hob und wie im Traum die Lippen bewegte. Die Seeleute spitzten die Ohren, um sein flüsterndes Gebet zu verstehen.

 

„Heiliger Yu Di, gnädiger Vater, der Du in den Abgründen der Seele waltest, Du befehligtest uns in die dunklen Klüfte am Meeresgrund, wo wir den Speer fanden, mit dem wir Saraphir schlugen. Diesen vom gesegneten Blut des Propheten befleckten Speer erkannten wir als das Zeichen, das uns zum Hort der Riesen brachte. Wir sahen rotes Gold, von Nachtigallen beweint.“

 

„Du meinst das Rheingold?“ fragte Daniel. Po Ging rotzte gelben Schleim und faltete die gespitzten Hände, um das Gebet zu vollenden.

 

„Es war reines Gold, es war reinstes Gold, das Du Yu Di uns zeigtest. Ein Zwerg hat es gefügt. Ein hässlicher Zwerg von teutonischer Art. Die Eckzähne schlitzten seine Kiefer. Fu, Lu und Shou mussten ihn großziehen, damit er, oh gebenedeiter Herrscher in grünweißer Jade, uns dienlich sein könne. Gott der Anmut, Gott der Sehnsucht, Gott der Schmerzen und Gott der obersten Harmonie, ich bete Dich an, denn Dein Wirken tilgt jeden Frevel. Sicher, nun bin ich verflucht und mit Gespenstern zusammen, die meiner Würde nicht ebenbürtig sind. Doch raubte ich dem Zwerg das rote Gold und verschaffte mir damit die Achtung des Fliegenden Holländers. Der war ganz anders als ich. Reichtum und Gewalt zogen ihn an, lieben konnte er nicht. Und doch wurde er erlöst. Darf ich denn, da ich immerhin den bösen Drachen erschlug und fünfzehn Frauen sowie dreiundvierzig Kinder liebte, gleichfalls auf Erlösung hoffen? Darf ich zum Grunde des Ozeans zurück, dorthin, wo wir einst den heiligen Speer fanden? Welche Lust wäre es, mit dem Sand und den Algen auf ewig im Nichts zu verschmelzen. Auf Deine lichte Kraft, auf die Reinheit, Schönheit und Erhabenheit der Jade, setze ich mächtiger Yu Di, auf Deine Macht und Herrlichkeit!“

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