Monatsarchiv: Juni 2014

Die Geschichte der Tosca


Das Schicksal der Tosca war hingegen irdisch, veristisch und gewöhnlich. Götter, Helden und Familientragödien hatten in dem Bühnenwerk nichts zu suchen. Es begann vor dem ersten Tutti damit, dass sich ein Buckelwal vor dem Kabinenfenster blicken ließ. Prustend hob sich der mächtige Körper und spaßig blinzelten die kleinen Augen. Eine Wasser-Fontaine spritze gen Himmel und der Wal tauchte ab. Kurze Zeit später war er wieder da. Ein Bündel Rotalgen flog auf die Planken des Schiffes, das sich quer zum Wind legte, so dass eine Sturzwelle das garstige Zeug fortspülen konnte. Nur wenige Stücke blieben übrig, die eine Frau mit scharfem Profil und stechende Blick zu einem Strauß weißer Dahlien formte. Aus den Dahlien wurden Nelken, dann Lilien und schließlich Rosen. Alle Blumen waren blütenweiß. Sie flogen von den Rängen der Scala auf die Bühne, die Menge tobte und Maria Callas verbeugte sich vor der Musik. Ganz tief verbeugte sie sich. Sie war Tosca! „Vissi d´arte, nur der Kunst weihe ich mein Leben“ hatte sie gesungen. Die Menschen wollten sich nicht mehr beruhigen, im Parkett stand man auf den Stühlen. Es war ein heiliges Wunder der Musikgeschichte und an jenem Abend gehörte sie zu den Eumeniden, sie die Callas wurde zu Medea, sie wurde zu Elektra uns sie übte furchtbare Rache. Mit einem Brieföffner erstach sie Scarpia und stellte zwei Kerzen neben den röchelnd Sterbenden. Aber auch diese Rache blieb unerlöst. Tosca sah, wie Cavaradossi, den sie liebte, auf der Plattform der Engelsburg hingerichtet wurde. Mit dem Ruf „O Scarpia, avanti a Dio! Oh Scarpia uns richte Gott“ stürzte sie sich von der Engelsburg in die Tiefe. Das Publikum raste, bis ein fürchterliches Lachen vom obersten Rang ertöne und bald den ganzen Saal erfüllte. Nach diesem Ereignis sang die Callas nie wieder. Die Musik verdorrte und die Opernhäuser zerfielen. Nur die Schellackplatten, die Daniels kostbarster Besitz gewesen waren, behüteten das Vermächtnis einer Künstlerin, die den Menschen ein unverdientes Geschenk gewesen war. Daniel legte den Tonarm auf und knisternd erzählte die Platte vom größten Triumpf der Callas, sie erzählte das „Vissi dárte“.

 

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Der Religionsunterricht


Der kleine Koffer sprang auf. Er enthielt die Fibel, die ihm der Pastor am ersten Schultag in die Hand gedrückt hatte. „Staub bist Du und zum Staub kehrst Du wieder zurück“ verkündet er bei der dieser Gelegenheit. Ab und zu nahm der fette und verschwitzte Mann die ihm anvertrauten Zöglinge beiseite und zeigte ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit Bildchen der Jungfrau Maria. Daniel fand das äußerst bizarr, denn sonderlich jungfräulich sah sie auf diesen Lithographien weiß Gott nicht aus. Gleich im Anschluss nahm der Pastor die Beichte ab. Er mochte es überhaupt nicht, wenn die Kinder fröhlich waren, schaute allenfalls verstohlen zu, sofern sie sich neckten und in späteren Jahren busselten. Daniel hatte mächtig Respekt vor diesem Mann, der wie kein anderer die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies zu schildern verstand. Wortgewaltig donnerte es von der Kanzel herab und die Predigt schloss mit dem Hinweis, dass dies der Tag der Schuld gewesen sei. Als der Pastor eines Morgens nicht im Unterricht erschien, brauchte man nicht lange zu suchen. Er hatte sich in seiner Kartause erhängt. Man fand einen unvollendeten Brief an der ehrwürdigen Herrn Bischoff mit der Bitte, ihn von der Last des Priesteramtes zu entbinden.

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