Monatsarchiv: März 2014

Das verwunschene Haus


Draußen rauschte das Meer und salzige Luft drang durch das geöffnete Fenster. Grüner Schaum umspülte murmelnd den Strand. Daniel beobachtete einen einsamen Spaziergänger, der den Hut tief ins Gesicht gezogen hatte. Wie ein Wolf folgte er einer Fährte im Sand und sein Hund lief schnüffelnd voraus. Beide verloren sich in der Dunkelheit, während der Mond umso heller das Zimmer beleuchtete. Sein Schein fiel auf einen antiken Schreibtisch, auf dem eine Osterkerze aus gebleichtem Bienenwachs brannte. Rechts daneben war eine Staffelei aufgebaut. Sie trug das noch unfertige Gemälde einer Frau, die hinter dicken Burgmauern vor einer glaslosen Luke in einem Erker kniete. Efeu rankte hinein. In Reichweite, hinter Blumenfeldern, erkannte man eine weitere Burg. Die Frau war vornehm, hochmütig und elegisch. Ihre Hände hielt sie gefaltet, weniger zum Gebet, eher in Erwartung eines silberblauen Ritters, der aber nicht erschien. Damit brüskierte er sie, denn sie war von hohem Stande. Ihre Kleidung verriet es. Der Schleier, den sie auf ihr geflochtenes Haar gesteckt hatte, verlieh ihr dessen ungeachtet eine Unschuld, die sie verletzbar machte.  Möglicherweise war sie sehr einsam, denn im Schatten ihres Zimmers hielt sie das Bild eines traurigen Mannes verborgen, der wie sie auf ein Ereignis wartete, das nicht eintraf. Das Ganze beobachtete eine alte Frau, die sich hinter einem roten Samtvorhang versteckt hatte, Personifikation eines verblühten Lebens, das unerlöst verlischt. Ihr zur Seite saßen Nornen und webten an einem Seil, mit dem sie eine Esche umwickelten. Die Geheimnisse dieses Gemäldes entfalteten eine starke Wirkung. Daniel dachte an die hübsche Stewardess und er dachte an Beatrice. Dann bemerkte er, wie der traurige Mann zu dem Burgfräulein hinüberschaute. Es war wie ein stummer Schrei nach Hilfe, nach Erlösung. Er trug jetzt eine Rüstung und der gesamte Raum erstrahlte im silberblauen Glanz.

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Die Sache mit dem Fußball


Im Fußballstadion konnte er sich buchstäblich verstecken. Im Theater floh er in die Dunkelheit des Parketts, im Stadion dagegen in die Anonymität der wogenden Menge. Jeweiliger Höhepunkt war das kollektive Pathos. Freud und Leid, Jubel und Bestürzung gab es auf Kommando aber die Impulse kamen aus einer illusionären Welt, die keinerlei Bedeutung hatte. Alles blieb pur Emotion, sei es auf der Bühne Wotans Abschied von Brünnhilde oder beim Fußball das entscheidende Tor in der letzten Spielminute. Daniel erlebte Augenblicke höchster Exaltation bei gleichzeitig tiefster Verlassenheit inmitten ungehemmter Begeisterung. Schön war es allemal, obwohl niemand davon wissen wollte, sobald er, Daniel, dem Rausch entkommen war. Es begann mit dem Aufmarsch der gegnerischen Truppen vor dem Stadion. Man beschnupperte sich und schloss den fälligen Waffenstillstand, wenn das Flutlicht entflammte und den profanen Götzentempel mit den gewaltigen Tribünen bestrahlte. Die Götzen ließen sich, anders als die himmlischen Götter, leicht zufriedenstellen, prostete man ihnen nur genügend zu. Daniel tat es ausgiebig. Liefen die Mannschaften endlich ein, sog er den Beifall auf, als sei er ausschließlich ihm gewidmet, Grund genug, sich einen weiteren Schluck zu gönnen.  Glücksmomente deuteten sich niemals an, sie kamen unvermittelt und lösten schlagartig die einzigartige Ekstase  aus, der die Luft wie ein Donner erzittern ließ. Das war es, deshalb trieb es Daniel immer wieder hinaus, deshalb jubelte er wie kein anderer oder vergoss bittere Tränen, mussten seine Spieler den Platz mit hängenden Schultern verlassen. »Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball« hat Albert Camus, der selber ein passabler Torwart war, einmal gesagt. Daniel hatte diesen Satz nie wirklich verstanden, fand ihn aber, weil er pathetisch wie der Fußball selber war, gelungen und bewahrte ihn stets in seinem Herzen, genau wie die Legenden des runden Leders, die unsterblich bleiben würden.

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