Monatsarchiv: Februar 2014

L. v. Beethoven „Heiligenstädter Testament“



„O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig,
störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret,
wie unrecht tut ihr mir;
ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem,
was euch so scheinet;
mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens,
selbst große Handlungen zu verrichten,
dazu war ich immer aufgelegt,
aber bedenket nur,
daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen,
durch unvernünftige Ärzte verschlimmert,
von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden,
betrogen,
endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels
(dessen Heilung vielleicht Jahre dauern oder gar unmöglich ist) gezwungen,
mit einem feuerigen, lebhaften Temperamente geboren,
selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft,
mußte ich früh mich absondern,
einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch
zuweilen mich einmal über alles das hinaussetzen,
o wie hart wurde ich dur[ch] die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehör’s dann zurückgestoßen,

und doch war’s mir noch nicht möglich,
den Menschen zu sagen:
sprecht lauter,
schreit,
denn ich bin taub,

ach wie wär es möglich,
daß ich dann die Schwäche eines Sinnes angeben sollte,
der bei mir in einem vollkommenern Grade als bei andern sein sollte,
einen Sinn, den ich einst in der größten Vollkommenheit besaß,
in einer Vollkommenheit,
wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben
– o ich kann es nicht,

drum verzeiht,
wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet,
wo ich mich gerne unter euch mischte;
doppelt wehe tut mir mein Unglück,
indem ich dabei verkannt werden muß,
für mich darf Erholung in menschlicher Gesellschaft,
feinere Unterredungen,
wechselseitige Ergießungen nicht statt haben,
ganz allein fast nur so viel, als es die höchste Notwendigkeit fodert,
darf ich mich in Gesellschaft einlassen,
wie ein Verbannter muß ich leben,
nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Ängstlichkeit,
indem ich befürchte, in
Gefahr gesetzt zu werden,
meinen Zustand merken zu lassen
– so war es denn auch dieses halbe Jahr,
was ich auf dem Lande zubrachte,
von meinem vernünftigen Arzte aufgefordert,
so viel als möglich mein Gehör zu schonen,
kam er fast meiner jetztigen natürlichen Disposition entgegen,
obschon,
vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen,
ich mich dazu verleiten ließ,

aber welche Demütigung,
wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte,
und ich nichts hörte;
oder wenn jemand den Hirten singen hörte,
und ich auch nichts hörte;
solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung,
es fehlte wenig,
und ich endigte selbst mein Leben

– nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück,

ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen,
bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte;
und so fristete ich dieses elende Leben –
wahrhaft elend;

einen so reizbaren Körper,
daß eine etwas schnelle Veränderung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten versetzen kann –

Geduld  – so heißt es,
sie muß ich nun zur Führerin wählen,
ich habe es – dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß
sein auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen,
vielleicht geht’s besser, vielleicht nicht, ich bin gefaßt –
schon in meinem 28. Jahre gezwungen,
Philosoph zu werden,

es ist nicht leicht, für den Künstler, schwerer als für irgend jemand

– Gottheit,
du siehst herab auf mein Inneres; du kennst es, du weißt,
daß Menschenliebe und Neigung zum Wohltun drin hausen,
– o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht getan,
und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden,
der trotz allen Hindernissen der Natur,
doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand,
um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden – “

Heiligenstadt am 6ten October 1802

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