Monatsarchiv: Oktober 2012

Dalida, die Tragödin des Todes


 

Dalida

Sie war grandios und sie war eine Tragödin. Diese Frau feierte Triumpfe in der New Yorker Carnegie Hall und im Pariser „Olympia“. Im  „Palais des Sports“, ebenfalls in Paris, gastierte sie als Revue-Star und wenige Jahre später überreichte man ihr die seltene Diamantene Schallplatte. Selbst in Ägypten waren ihre Konzerte ausverkauft.

Privat führte sie ein wechselvolles Leben mit außergewöhnlichen Höhen und Tiefen, das unter anderem vom Freitod zweier Freunde geprägt war. Sie lebte mehrere Jahre in Indien, später auf Korsika und manche Jahre  in Paris auf dem Montmartre .Überall fand sie vertraute Begleiter, die ihr Kraft zu neuen Lieder gab, eines herrlicher als das andere.

Irgendwann hörte ich ihren größten Hit und die Augen gingen mir über. Immer und immer wieder schwenkte ich mit rasendem Herzen den Plattenarm erneut zum Anfang der Platte um der Stimme einer Sängerin zu lauschen, die für mich der Inbegriff aller erotischen und narkotisierenden Fantasien war und zugleich einer Melancholie Ausdruck gab, wie sie nur wenigen empfindsamen Seelen zu eigen ist. Da erzählt eine erfahrene und schöne Frau von der Liebe einer einzigen Nacht zu einem Jungen, der gerade zum Mann reifte. Sie durchwühlte sein weiches Haar, schaute in seine unschuldigen Augen und lauschte mit beklommenen Ahnungen seinen unbeholfenen Liebesschwüren. Dann kam der Morgen, er zog wohlgemut von dannen und sie verstand, dass ihre Schwermut etwas mit dem Tod zu tun hatte. „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben“, so lautet der Beginn eines Gedichtes mit dem Titel „Tristan“. Ich las es und dachte an Richard Wagners „Tristan und Isolde“ mit dem wundervollsten Opernschluss aller Zeiten, dem Liebestod Isoldes. Sinnlich morbider Zauber, hier wie dort.

Jahre später sah ich ein Video mit einem Auftritt Dalidas in Paris. Sie stieg in einem prachtvollen weißen Kleid eine Revuetreppe hinab und sang mit charmantem französischem Akzent „Er war gerade achtzehn Jahr“. Welch hohe schlanke Gestalt, welch anmutige Bewegung der Hände, welch wunderbares rotblondes Haar!

Wie gerne hätte ich sie da in den Arm genommen, die traurige Dalida, die im Mai 1987 ihrem Leben ein Ende setzte.

 

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Lili Marleen


Ich kann mich noch an Fernsehshows zu Beginn der 60iger Jahre erinnern, in denen Lale Andersen auftrat und das Lied sang, dessen Bedeutung ich damals nicht verstand. Erst durch den Film von Rainer Werner Fassbinder, der 1981 in die Kinos kam, lernte ich die Gefühlswelt der Menschen erahnen, denen „Lili Marleen“ gewidmet war. Es waren Hundertausenden von Soldaten, die für  Deutschland in den Krieg zogen und starben. Jedenfalls hatten sie die tiefste Überzeugung, ihr Leben für das deutsche Reich, ihre Familien und Freunde und sowie ihre Lieblinge einzusetzen. Fern von daheim hörten sie das Lied von der Laterne, bei der sie einst stehen und ihre Freundinnen, Verlobten oder Frauen wiedersehen würden. Diese Männer, Anfang zwanzig,  hielten sich in den Schützengräben an den Händen  und folgten der melancholischen Melodie mit dem hoffnungsbeladenen Text:

 

„Aus dem stillen Raume,
Aus der Erde Grund,
Hebt mich wie im Traume
Dein verliebter Mund.
Wenn sich die späten Nebel dreh’n,
Werd‘ ich bei der Laterne steh’n
Wie einst, Lili Marleen.“

                                               Hans Leip

So etwas bezeichnet man heute als Kitsch. Oh ja, wir kriegsfremden Gesellen  sind aufgeklärt. Wir fallen auf keine Gefühlsduselei und damit verbundene Propaganda rein. Dabei traf der sentimentale Text über Abschied und Heimweh die Stimmung der Soldaten auf beiden Seiten der Front und an manchen Orten lauschte man gemeinsam und wurde dabei ganz still.

 

Die Sängerin Lale Andersen, die vor ziemlich genau vierzig Jahren starb, wurde als Schauspielerin bekannt und trat an bedeutenden Theatern auf. So richtig wohl fühlte sie sich allerdings auf Kleinkunstbühnen, wo sie besonders gerne mit verschleiertem Blick und rauem Ton Seemannslieder  vortrug. Ihre Interpretation von „Ein Schiff wird kommen“ halten viele bis heute für unerreicht. Demgegenüber war „Lili Marleen“ eher ein Nebenprodukt aber damit sind wir erneut beim Wesen des Schlagers, dessen Ursachen wie dargelegt in seiner Wirkung, sprich den Reaktionen beim Zuhörer, liegen.

 

Diese Wirkung resultiert ganz wesentlich aus dem persönlichen Ausdruck des Interpreten oder der Interpretin. Das Timbre der Stimme von Lale Anderson war dunkel wenn auch nicht androgyn, wie der  Gesang von Alexandra oder Zarah Leander. Dennoch entsprach der Klang genau diesem Charakter des Unzeitgemäßen oder vielmehr des Unerklärlichen. Die Menschen, die ihm anhingen, vernahmen etwas, das keinen unmittelbaren Bezug zu ihren Geschichten hatte, das aber den Weg zu den ganz großen Gefühlen beschrieb und damit die Seele vom Ballast des Alltäglichen befreite. Bevor dann Gewehrsalven und Granaten ihre jungen Leiber zerfetzten, gab ihnen dieses Lied  wenige  Momente des Glücks oder zumindest des Trostes. Jedenfalls wollen wir  von ganzem Herzen glauben, dass es so war.

 

„Viel Gutes hast Du getan“ sprach der liebe Gott, als die Sängerin am 29. August 1972 an der Pforte des Himmels um Einlass bat, so als stünde sie vor der Kaserne, vor dem großen Tor.

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