Ein Abend in der Kölner Oper


Es war ein wundersamer Abend, ein solcher Abend, wie das Theater ihn nur dem Staunen eines siebenjährigen Jungen zu schenken vermag. Die Kölner Oper brachte „Les contes d’Hoffmann“  und ich erlebte die fantastischen Geschichten der mechanische Puppe Olympia, der Kurtisane Giulietta und der tragischen Wucht des  Antonia Aktes.  Gleich zu Beginn meiner kurzen Erzählung komme ich nicht umhin, zu erwähnen, dass mich Jahre später  Wotans Abschied in der Walküre oder Don Giovannis Höllenfahrt an den  Abgrund führten, in den man tunlichst nicht hineinschauen sollte. Und doch bleibt mir Offenbachs Oper bis heute das Bedeutendste, das mir die Bühne gab. Die Studenten zechten und lärmten, der rabenschwarze Geheimrat Lindorf hatte seinen ersten Auftritt hinter sich und nun wurde es ganz still. „Le nom de la première était Olympia!“ sinnierte Hoffmann mit Domingos prachtvollem Tenor, der sich in lyrische Höhe schwang. Placido Domingo, der damals wirklich in Köln gesungen hatte, interpretierte den Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann mit überwältigend kraftvollem Gesang und szenischer Präsenz. Jetzt tauchte Luthers Weinstube in die Tiefen der Hinterbühne, derweil aus den Seitenbühnen Spalanzanis Kabinett zur Mitte fuhr. Der Alptraum begann, wenngleich das Parkett sich zunächst in einer Operette wähnte. Denn eine Gesellschaft skuriller Gäste bevölkerte jauchzend das Haus des absonderlichen Physikers. Man lachte, dinierte und tanzte. Doch Coppelius erschien. Das war der Teufel, ich wusste es. Es war der Sandmann aus dem Schauerroman, den ich zwischen den vergilbten Büchern daheim entdeckt und heimlich gelesen hatte. Zudem stellte ihn die Musik mit den gleichen eisigen Klängen vor, die mir beim Auftritt des unheimlichen Lindorf Furcht bereitet hatten. Mir dämmerte, dass es in dieser Oper um etwas sehr Böses ging und ich schmiegte mich an die gute Mutter, die neben mir saß. Sie nahm mich bei der Hand. Das was ich sah und hörte war weiß Gott alles andere als eine Operette. Es war etwas Dunkles und Unerklärliches, mächtiger als die Sehnsucht des Dichters, der nichts weiter als geliebt sein wollte. Er schaute durch die trügerische Brille des Coppelius und sah ein bezauberndes Mädchen namens Olympia. Dies war tatsächlich eine Puppe, ein Automat, aus den Händen des wahnsinnigen Physikers Spalanzani geboren. Mit Hoffmann im Rausch seiner Täuschung  über die Bühne wirbelnd, musste ihr Uhrwerk mehrfach aufgezogen werden. Das Publikum amüsierte sich, mir aber blieb das Lachen im Halse stecken. Ich wusste, Coppelius würde gleich erscheinen. Schon war seine gespenstische Stimme zu vernehmen. Er riss Hoffmann die Brille von der Nase, zertrümmerte hasserfüllt die Puppe und schleuderte deren Körperteile in die Szene. Augenblicke des Schreckens folgten und da nun der Bühnenwagen in die Maschinerie sank, beleuchtete ein einzelner Verfolgungsscheinwerfer die Muse Nicklausse, die ihren Freund Hoffmann im leeren Raum umarmte. Sie hielt den Verzweifelten fest, ganz fest hielt sie ihn. Rasch fiel der Vorhang.

Ich folgte der Mutter ins Foyer. Sie sah mein blasses Gesicht. „Gefällt es Dir denn nicht?“ fragte sie besorgt. Ich schwieg, was hätte ich auch sagen sollen? Mein Kopf kreiste um die Fülle der Bilder und die unerhörte Musik. Wie konnte ein Mensch derartiges zu Papier bringen? Wer oder was hatte diesen begabten Geist inspiriert? War Offenbach  nicht lediglich ein in den Pariser Salons gefeierter Operettenkönig gewesen, ein dressiertes Äffchen, dem gemeinen Volk gefällig? Ich hatte mich doch vorbereitet, glaubte Bescheid zu wissen. Und nun das! Ich ahnte nicht das Entsetzliche, das mir jetzt erst begegnen sollte, da die Glocke zum zweiten Akt ertönte.

Die Lichter im Saal erloschen. Dramatisch schwere Klänge leiteten den Beginn des Antonia-Aktes ein. Antonia ohne Hoffnung auf Erlösung! Antonia mit zerfressener Brust! Antonia die große Liebe Hoffmanns! Antonia vom Teufel besessen! Sie sang verhalten und nur für Hoffmann  « C’est une chanson d’amour ;  Qui s’envole ; Triste ou folle ; Tour à tour ». Ihre Augen glitzerten und die Stimme erblühte. Doch sie durfte nicht singen. Die Schwindsucht hatte bereits ihre Mutter zerstört, weil sie nicht vom Singen lassen konnte. Die Mutter war Gilda, Manon, Leonore, Norma gewesen und hatte sich gar an die Elsa oder die Elisabeth gewagt. Doch blutiger Husten beendete ihr Leben wie das der Traviata in ihrer größten Rolle, derweil ihr von den Rängen der Staatsoper die Blumensträuße zuflogen. In Moment ihres Todes verstummten die von Crespel gebauten Geigen. Nie wieder schuf Crespel Geigen aber sorgsam achtete er darauf, dass seine Tochter Antonia nach dem Tod der geliebten Frau ebenfalls nicht mehr sang. Sie tat es dennoch, in diesem Tun gefördert von dem furchterregenden Doktor Mirakel, der schon Leibarzt der Mutter gewesen war. Ihn reizte Antonias Unschuld. Ganz in Weiß saß sie am Klavier, einem Engel gleich. Er musste sie zerstören! Meine Augen kullerten und ich dachte  daran, ob mich dereinst wohl auch der Teufel holen werde. In giftig grünem Glimmer stand Mirakel da und spielte lodernd auf Crespels verfluchter Violine. Antonias Gesang wurde leidenschaftlicher und inmitten dieser irrealen Szene stieg ihre Mutter aus dem prachtvollen Portrait, das die Wand gegenüber dem Fenster dekorierte. „Sing mein Kind, sing“! Die Bühne öffnete sich und gab den Blick aus der Perspektive der Bühnenrampe frei auf einen prall gefüllten Zuschauerraum über fünf Ränge. Was für ein beeindruckender Theatercoup! Antonia sang überirdisch schön, ihre Stimme ward zum Niederknien. Die fiktiven Zuhörer lagen ihr zu Füssen und drückten etliche Träne weg. Der Teufel aber trieb, begleitet vom Dämon der toten Mutter, sein Spiel bis zum bitteren Ende. Und da wusste ich, dass ich verloren war, der Magie des Theaters, die alles, was ist, in sich birgt, verfallen. Die Stränge von Crespels Geige rissen. Mirakels Danse Macabre tobte bloß noch auf der g-Saite, dafür aber umso erregter. Die Mutter riss die Arme empor und für einen flüchtigen Moment sah man ihren von der Tuberkulose zerfressenen Brustkorb. „Cher enfant que j’appelle comme autrefois, C’est ta mère, c’est elle, entends sa voix!“. Antonia vernahm es und sank blutig hustend nieder. Die grausige Vision war zu Ende. Die imaginäre Bühne verschwand und Antonia lag auf dem Boden ihrer Kammer. Ein Arzt erschien und stellte ihren Tod fest. Es war Mirakel selber. Der hilflose Crespel schluchzte „Ah! Dieu, mon enfant! ma fille!“. Verzweifelt legte der alte Mann eine letzte Geige auf Antonias geschundene Brust. Als nun das Orchester mächtig zur Terz emporstieg, wo die Violinen schwirrend verblieben während der übrige Sound auf der Tonika die Schlussakkorde hämmerte, begriff Hoffmann, dass ihm  erneut böse Mächte das Liebste genommen hatten. Diesmal aber war die Muse Nicklausse nicht zur Stelle!

In Luthers Weinstube herrschte Stille. Nur aus dem nahen Theater hörte man die Stimme Stellas, die im Don Giovanni sang. Endlich stand einer der Studenten auf und legte Hoffmann, der betrunken da saß, die Hand auf die Schulter. „Entsetzlich“ sagte er, mehr sagte er nicht. Lindorf lachte. „Lass uns bitte gehen“ bat ich die gute Mutter.

Dazu blieb indes keine Zeit, weil Hoffmann zu seiner dritten Erzählung anhub. Die Barcarolle zu Beginn „Belle nuit, ô nuit d’amour“ kannte ich schon. Überhaupt kannte ich eine ganze Menge Opernstücke, zum Beispiel  „Der Hölle Rache“ aus der Zauberflöte oder „Wir binden dir den Jungfernkranz“ aus dem Freischütz. Diese Bekanntschaft mit dem Genre ließ mich angenehm in den Sessel zurückfallen. Der Regisseur Jean-Pierre Ponnelle  hatte gezaubert und wie im Traum befand man sich in Venedig. Es gehörte zum Raffinement dieser Inszenierung, dass die Bühnenbilder zu Beginn jeder Erzählung Hoffmanns sowie der Handlungen in Luthers Weinstube aus den Kulissen hereingefahren wurden und zum Ende dort wieder verschwanden. Dazwischen sah man den bis zur Brandmauer aufgerissenen schwarzen Raum. Dort in der Tiefe glänzten jetzt bunte Lampignons, die zur Rampe strebten. Sie schmückten eine Gondel inmitten von San Marco. Darin saßen die Kurtisane Giulietta sowie Nicklausse, deren herrliches Duett von einem unsichtbaren Chor unter dem glitzernden Sternenhimmel aufgenommen wurde. Um was es genau in dieser letzten Erzählung ging, habe ich damals nicht verstanden. Natürlich waren wieder dunkle Mächte am Werk. Es erschien Dapertutto, derselbe Bösewicht wie Coppelius, Mirakel oder Lindorf. Er wollte Hoffmanns Seele, versinnbildlicht durch seinen Schatten, und ausgerechnet Giulietta, wieder einmal die Frau, für die Hoffmann entflammt war,  musste sie ihm verschaffen. Dann gab es noch den schleimigen Schlemihl. Hoffmann tötete ihn im Duell, keine Ahnung warum, denn von Rivalitäten im Milieu verstand ich nichts.

Im Übrigen streiten gelegentlich kluge Leute darüber, ob einige der Musiknummern, die mir besonders gut gefallen hatten, überhaupt von Offenbach stammten. Als ob das von Bedeutung wäre! Das gilt für Dapertuttos Arie vom Diamanten und für ein wunderschönes Sextett, das auf Wunsch des Publikums wiederholt wurde. Jedenfalls endete das Ganze damit, dass Nicklausse ihren Freund im letzten Moment, vor was auch immer, retten konnte. Zum Finale blieb, dass Hoffmann nun zum dritten Mal die Frau, die er begehrte, verloren hatte. Diesmal war ihr Name Giulietta gewesen.

Die meiste Freude bereitete meinen Nachbarn im Parkett ein seltsames Männlein, das durch alle drei Geschichten hüpfte. Es trug Namen wie Cochenille, Franz oder Pitichinaccio und brachte kabarettistische Nummern zu Gehör. „Typisch Offenbach“ zischelte ein kundiger Opernbesucher seiner Gattin ins Ohr. Ich fand das weder typisch noch komisch, denn selbst in der Hölle, im Inferno, wird den armen Seelen mancher Kurzweil geboten. Und dennoch bleibt die Hölle das, was sie ist, nämlich die Hölle!  „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ hatte Dante über den Eingang zum Ort der Verdammnis geschrieben.

Die Hölle Hoffmanns war der Alkohol. Von Bier und Wein betrunken saß der Dichter unter den Studenten, die er mit seinen Fantasien unterhalten und erschreckt hatte. Immer noch sang Stella nebenan die Donna Anna. Olympia, Giulietta und selbst die arme Antonia waren lediglich stellvertretend für Stella in Hoffmanns Leben getreten und von ihm geliebt worden. Oder war es gar die Liebe zur Musik von Mozarts Oper, dem unbegreiflichsten Wunder der Musikgeschichte? Vielleicht durfte man beides auch nicht trennen. Dafür bürgte die Muse Nicklausse, gesungen von Marilyn Horne, die mit einer betörenden Arie Hoffmann das zurückgab, was ihn auszeichnete, nämlich sein feinsinniges Künstlertum. Dennoch waren die Demütigungen des Dichters  nicht beendet. Aus dem Opernhaus drang der Schlussbeifall zum Don Giovanni hinüber. Schon stürzte Stella in die Weinstube, um Hoffmann, den sie ebenso wie er sie liebte, zu sehen. Erschrocken wich sie vor seinem jämmerlich aufgedunsenen Anblick zurück. Da nutzte der rabenschwarze Geheimrat  Lindorf, Mirakel, Coppelius sowie Dapertutto die Gelegenheit, um Hoffmanns Braut unter boshaftem Lachen zu entführen. Alles war aus. Vorhang, Ende!

Finis

Was uns Mittelmäßigen bleibt, sind die Werke des Dichters E. T. A. Hoffmann. Mit ewig jungem Herzen lesen wir „Die Elexiere des Teufels“, „Kreileriana“, „Klein Zaches“ oder „Nussknacker und Mausekönig“.  Da ergreift uns wieder die hinreißende Musik aus Jacques Offenbachs sagenhafter Oper,so wie einst, an diesem wundersamen Abend.

 

Bernhard Wunsch im Mai 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

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Zauber des Theaters


Hoffmanns Erzählungen

Eine Annäherung

 

Es war ein wundersamer Abend, ein solcher Abend, wie das Theater ihn nur dem Staunen eines siebenjährigen Jungen zu schenken vermag. Die Kölner Oper brachte „Les contes d’Hoffmann“  und ich erlebte die fantastischen Geschichten der mechanische Puppe Olympia, der Kurtisane Giulietta und der tragischen Wucht des  Antonia Aktes.  Gleich zu Beginn meiner kurzen Erzählung komme ich nicht umhin, zu erwähnen, dass mich Jahre später  Wotans Abschied in der Walküre oder Don Giovannis Höllenfahrt an den  Abgrund führten, in den man tunlichst nicht hineinschauen sollte. Und doch bleibt mir Offenbachs Oper bis heute das Bedeutendste, das mir die Bühne gab. Die Studenten zechten und lärmten, der rabenschwarze Geheimrat Lindorf hatte seinen ersten Auftritt hinter sich und nun wurde es ganz still. „Le nom de la première était Olympia!“ sinnierte Hoffmann mit Domingos prachtvollem Tenor, der sich in lyrische Höhe schwang. Placido Domingo, der damals wirklich in Köln gesungen hatte, interpretierte den Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann mit überwältigend kraftvollem Gesang und szenischer Präsenz. Jetzt tauchte Luthers Weinstube in die Tiefen der Hinterbühne, derweil aus den Seitenbühnen Spalanzanis Kabinett zur Mitte fuhr. Der Alptraum begann, wenngleich das Parkett sich zunächst in einer Operette wähnte. Denn eine Gesellschaft skuriller Gäste bevölkerte jauchzend das Haus des absonderlichen Physikers. Man lachte, dinierte und tanzte. Doch Coppelius erschien. Das war der Teufel, ich wusste es. Es war der Sandmann aus dem Schauerroman, den ich zwischen den vergilbten Büchern daheim entdeckt und heimlich gelesen hatte. Zudem stellte ihn die Musik mit den gleichen eisigen Klängen vor, die mir beim Auftritt des unheimlichen Lindorf Furcht bereitet hatten. Mir dämmerte, dass es in dieser Oper um etwas sehr Böses ging und ich schmiegte mich an die gute Mutter, die neben mir saß. Sie nahm mich bei der Hand. Das was ich sah und hörte war weiß Gott alles andere als eine Operette. Es war etwas Dunkles und Unerklärliches, mächtiger als die Sehnsucht des Dichters, der nichts weiter als geliebt sein wollte. Er schaute durch die trügerische Brille des Coppelius und sah ein bezauberndes Mädchen namens Olympia. Dies war tatsächlich eine Puppe, ein Automat, aus den Händen des wahnsinnigen Physikers Spalanzani geboren. Mit Hoffmann im Rausch seiner Täuschung  über die Bühne wirbelnd, musste ihr Uhrwerk mehrfach aufgezogen werden. Das Publikum amüsierte sich, mir aber blieb das Lachen im Halse stecken. Ich wusste, Coppelius würde gleich erscheinen. Schon war seine gespenstische Stimme zu vernehmen. Er riss Hoffmann die Brille von der Nase, zertrümmerte hasserfüllt die Puppe und schleuderte deren Körperteile in die Szene. Augenblicke des Schreckens folgten und da nun der Bühnenwagen in die Maschinerie sank, beleuchtete ein einzelner Verfolgungsscheinwerfer die Muse Nicklausse, die ihren Freund Hoffmann im leeren Raum umarmte. Sie hielt den Verzweifelten fest, ganz fest hielt sie ihn. Rasch fiel der Vorhang.

Ich folgte der Mutter ins Foyer. Sie sah mein blasses Gesicht. „Gefällt es Dir denn nicht?“ fragte sie besorgt. Ich schwieg, was hätte ich auch sagen sollen? Mein Kopf kreiste um die Fülle der Bilder und die unerhörte Musik. Wie konnte ein Mensch derartiges zu Papier bringen? Wer oder was hatte diesen begabten Geist inspiriert? War Offenbach  nicht lediglich ein in den Pariser Salons gefeierter Operettenkönig gewesen, ein dressiertes Äffchen, dem gemeinen Volk gefällig? Ich hatte mich doch vorbereitet, glaubte Bescheid zu wissen. Und nun das! Ich ahnte nicht das Entsetzliche, das mir jetzt erst begegnen sollte, da die Glocke zum zweiten Akt ertönte.

Die Lichter im Saal erloschen. Dramatisch schwere Klänge leiteten den Beginn des Antonia-Aktes ein. Antonia ohne Hoffnung auf Erlösung! Antonia mit zerfressener Brust! Antonia die große Liebe Hoffmanns! Antonia vom Teufel besessen! Sie sang verhalten und nur für Hoffmann  « C’est une chanson d’amour ;  Qui s’envole ; Triste ou folle ; Tour à tour ». Ihre Augen glitzerten und die Stimme erblühte. Doch sie durfte nicht singen. Die Schwindsucht hatte bereits ihre Mutter zerstört, weil sie nicht vom Singen lassen konnte. Die Mutter war Gilda, Manon, Leonore, Norma gewesen und hatte sich gar an die Elsa oder die Elisabeth gewagt. Doch blutiger Husten beendete ihr Leben wie das der Traviata in ihrer größten Rolle, derweil ihr von den Rängen der Staatsoper die Blumensträuße zuflogen. In Moment ihres Todes verstummten die von Crespel gebauten Geigen. Nie wieder schuf Crespel Geigen aber sorgsam achtete er darauf, dass seine Tochter Antonia nach dem Tod der geliebten Frau ebenfalls nicht mehr sang. Sie tat es dennoch, in diesem Tun gefördert von dem furchterregenden Doktor Mirakel, der schon Leibarzt der Mutter gewesen war. Ihn reizte Antonias Unschuld. Ganz in Weiß saß sie am Klavier, einem Engel gleich. Er musste sie zerstören! Meine Augen kullerten und ich dachte  daran, ob mich dereinst wohl auch der Teufel holen werde. In giftig grünem Glimmer stand Mirakel da und spielte lodernd auf Crespels verfluchter Violine. Antonias Gesang wurde leidenschaftlicher und inmitten dieser irrealen Szene stieg ihre Mutter aus dem prachtvollen Portrait, das die Wand gegenüber dem Fenster dekorierte. „Sing mein Kind, sing“! Die Bühne öffnete sich und gab den Blick aus der Perspektive der Bühnenrampe frei auf einen prall gefüllten Zuschauerraum über fünf Ränge. Was für ein beeindruckender Theatercoup! Antonia sang überirdisch schön, ihre Stimme ward zum Niederknien. Die fiktiven Zuhörer lagen ihr zu Füssen und drückten etliche Träne weg. Der Teufel aber trieb, begleitet vom Dämon der toten Mutter, sein Spiel bis zum bitteren Ende. Und da wusste ich, dass ich verloren war, der Magie des Theaters, die alles, was ist, in sich birgt, verfallen. Die Stränge von Crespels Geige rissen. Mirakels Danse Macabre tobte bloß noch auf der g-Saite, dafür aber umso erregter. Die Mutter riss die Arme empor und für einen flüchtigen Moment sah man ihren von der Tuberkulose zerfressenen Brustkorb. „Cher enfant que j’appelle comme autrefois, C’est ta mère, c’est elle, entends sa voix!“. Antonia vernahm es und sank blutig hustend nieder. Die grausige Vision war zu Ende. Die imaginäre Bühne verschwand und Antonia lag auf dem Boden ihrer Kammer. Ein Arzt erschien und stellte ihren Tod fest. Es war Mirakel selber. Der hilflose Crespel schluchzte „Ah! Dieu, mon enfant! ma fille!“. Verzweifelt legte der alte Mann eine letzte Geige auf Antonias geschundene Brust. Als nun das Orchester mächtig zur Terz emporstieg, wo die Violinen schwirrend verblieben während der übrige Sound auf der Tonika die Schlussakkorde hämmerte, begriff Hoffmann, dass ihm  erneut böse Mächte das Liebste genommen hatten. Diesmal aber war die Muse Nicklausse nicht zur Stelle!

In Luthers Weinstube herrschte Stille. Nur aus dem nahen Theater hörte man die Stimme Stellas, die im Don Giovanni sang. Endlich stand einer der Studenten auf und legte Hoffmann, der betrunken da saß, die Hand auf die Schulter. „Entsetzlich“ sagte er, mehr sagte er nicht. Lindorf lachte. „Lass uns bitte gehen“ bat ich die gute Mutter.

Dazu blieb indes keine Zeit, weil Hoffmann zu seiner dritten Erzählung anhub. Die Barcarolle zu Beginn „Belle nuit, ô nuit d’amour“ kannte ich schon. Überhaupt kannte ich eine ganze Menge Opernstücke, zum Beispiel  „Der Hölle Rache“ aus der Zauberflöte oder „Wir binden dir den Jungfernkranz“ aus dem Freischütz. Diese Bekanntschaft mit dem Genre ließ mich angenehm in den Sessel zurückfallen. Der Regisseur Jean-Pierre Ponnelle  hatte gezaubert und wie im Traum befand man sich in Venedig. Es gehörte zum Raffinement dieser Inszenierung, dass die Bühnenbilder zu Beginn jeder Erzählung Hoffmanns sowie der Handlungen in Luthers Weinstube aus den Kulissen hereingefahren wurden und zum Ende dort wieder verschwanden. Dazwischen sah man den bis zur Brandmauer aufgerissenen schwarzen Raum. Dort in der Tiefe glänzten jetzt bunte Lampignons, die zur Rampe strebten. Sie schmückten eine Gondel inmitten von San Marco. Darin saßen die Kurtisane Giulietta sowie Nicklausse, deren herrliches Duett von einem unsichtbaren Chor unter dem glitzernden Sternenhimmel aufgenommen wurde. Um was es genau in dieser letzten Erzählung ging, habe ich damals nicht verstanden. Natürlich waren wieder dunkle Mächte am Werk. Es erschien Dapertutto, derselbe Bösewicht wie Coppelius, Mirakel oder Lindorf. Er wollte Hoffmanns Seele, versinnbildlicht durch seinen Schatten, und ausgerechnet Giulietta, wieder einmal die Frau, für die Hoffmann entflammt war,  musste sie ihm verschaffen. Dann gab es noch den schleimigen Schlemihl. Hoffmann tötete ihn im Duell, keine Ahnung warum, denn von Rivalitäten im Milieu verstand ich nichts.

Im Übrigen streiten gelegentlich kluge Leute darüber, ob einige der Musiknummern, die mir besonders gut gefallen hatten, überhaupt von Offenbach stammten. Als ob das von Bedeutung wäre! Das gilt für Dapertuttos Arie vom Diamanten und für ein wunderschönes Sextett, das auf Wunsch des Publikums wiederholt wurde. Jedenfalls endete das Ganze damit, dass Nicklausse ihren Freund im letzten Moment, vor was auch immer, retten konnte. Zum Finale blieb, dass Hoffmann nun zum dritten Mal die Frau, die er begehrte, verloren hatte. Diesmal war ihr Name Giulietta gewesen.

Die meiste Freude bereitete meinen Nachbarn im Parkett ein seltsames Männlein, das durch alle drei Geschichten hüpfte. Es trug Namen wie Cochenille, Franz oder Pitichinaccio und brachte kabarettistische Nummern zu Gehör. „Typisch Offenbach“ zischelte ein kundiger Opernbesucher seiner Gattin ins Ohr. Ich fand das weder typisch noch komisch, denn selbst in der Hölle, im Inferno, wird den armen Seelen mancher Kurzweil geboten. Und dennoch bleibt die Hölle das, was sie ist, nämlich die Hölle!  „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ hatte Dante über den Eingang zum Ort der Verdammnis geschrieben.

Die Hölle Hoffmanns war der Alkohol. Von Bier und Wein betrunken saß der Dichter unter den Studenten, die er mit seinen Fantasien unterhalten und erschreckt hatte. Immer noch sang Stella nebenan die Donna Anna. Olympia, Giulietta und selbst die arme Antonia waren lediglich stellvertretend für Stella in Hoffmanns Leben getreten und von ihm geliebt worden. Oder war es gar die Liebe zur Musik von Mozarts Oper, dem unbegreiflichsten Wunder der Musikgeschichte? Vielleicht durfte man beides auch nicht trennen. Dafür bürgte die Muse Nicklausse, gesungen von Marilyn Horne, die mit einer betörenden Arie Hoffmann das zurückgab, was ihn auszeichnete, nämlich sein feinsinniges Künstlertum. Dennoch waren die Demütigungen des Dichters  nicht beendet. Aus dem Opernhaus drang der Schlussbeifall zum Don Giovanni hinüber. Schon stürzte Stella in die Weinstube, um Hoffmann, den sie ebenso wie er sie liebte, zu sehen. Erschrocken wich sie vor seinem jämmerlich aufgedunsenen Anblick zurück. Da nutzte der rabenschwarze Geheimrat  Lindorf, Mirakel, Coppelius sowie Dapertutto die Gelegenheit, um Hoffmanns Braut unter boshaftem Lachen zu entführen. Alles war aus. Vorhang, Ende!

Finis

Was uns Mittelmäßigen bleibt, sind die Werke des Dichters E. T. A. Hoffmann. Mit ewig jungem Herzen lesen wir „Die Elexiere des Teufels“, „Kreileriana“, „Klein Zaches“ oder „Nussknacker und Mausekönig“.  Da ergreift uns wieder die hinreißende Musik aus Jacques Offenbachs sagenhafter Oper,so wie einst, an diesem wundersamen Abend.

 

Bernhard Wunsch im Mai 2017

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2014 im Rückblick


Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 770 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 13 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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Endlich spricht der Leguan


Dass der Leguan sprechen konnte, hatte ich längst beobachtet. Erstmalig sprach er mich unmittelbar an. „Wir Tiere kennen keine Zeit. Beobachten wir den Anfang, begreifen wir bereits das Ende. Wir kennen auch keinen Raum. Auf den fernsten Galaxien haben wir Freunde und tauschen uns mit ihnen vom Grund der Ozeane aus. Denn das Meer ist so tief, wie der fernste Stern weit ist. Mit jedem Deinonychus, den ihr tötet, vernichtet ihr auch ein fernes Geschlecht. Und doch seid ihr so erbärmlich, dass ihr diesen Lebewesen nichts anhaben könnt. Sie fallen in traumlosen Schlaf. Ihre Körper lösen sich in nichts auf. Tatsächlich waren sie nie existent. Ihr dagegen modert und stinkt im Grab. Euer böser Geist wütet in dem faulenden Fleisch, das ihr zum Fetisch erhoben habt. Traumlosen Schlaf wird es für euch nicht geben. Ihr seid die einzigen Kreaturen im Universum, die aus dem Paradies vertrieben wurden. Es gibt für euch keine Rückkehr! Schlimmer noch, der Ichthyosauria
steigt aus den Fluten und ein Grausen, das die Visionen eurer größten Denker übersteigt, wird den gesamten Erdball erfassen. Es hat schon begonnen, doch was ihr beobachtet ist nur der Anfang eines großartigen Geschehens. Ihr habt euch bequem eingerichtet und geglaubt, das sei von Dauer. Jetzt schlägt die Natur zurück und es ist mehr als das Walten der Natur, der Schöpfer selber greift ein. Über die Jahrtausende hat er geschwiegen und zugesehen, wie ihr die Schönheit seines Werkes verunstaltet habt. Die Meere sind verseucht, die herrlichsten Blumen verschwunden und der Regenwald, der uns Leguanen Schutz bot, wurde abgeholzt, damit ihr genug zu fressen habt. Die verrußte Atmosphäre verdeckt die Klarheit des Firmaments. Das Leuchten der Sterne bleibt euch daher verborgen, aber ihr vermisst es in eurer Eitelkeit nicht. Wenn der Himmel weint, entwickelt ihr Notfallpläne, statt ihn zu trösten. Die Liebe habt ihr mit enthemmter Lust ausgelöscht. Alles ist erlaubt, aber nichts mehr ist euch heilig. Um euer Gewissen zu beruhigen, streichelt ihr die Schwachen und schlagt die Starken. Damit vernichtet ihr die Kraft, die Gott euch geschenkt hat. Selbst die Sprache lasst ihr verkommen, damit ihr euch auf niedrigstem Niveau wie räudige Hunde bellend verständigen könnt. Es geht noch weiter. Irgendwann wollt ihr nur noch im Dialog der Zahlen eins und zwei kommunizieren. Tief unter der Erde basteln gefühllose Hirne an entsprechenden Machinen. Aber in eurer Dummheit merkt ihr das nicht. Sofern ihr einmal auf etwas verzichtet, dann nur deshalb, weil das so moralisch ist. Und mit der Moral geht ihr einkaufen. Was wir Tiere einzig von euch gelernt haben, ist das Kotzen. Wir kotzen mittlerweile besser als ihr.“

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Der Zoobesuch


Noch etwas hatte mich mein Vater gelehrt, nämlich den Respekt vor allem, was kreucht und fleucht. An schönen Sonntagen fuhren wir zum Kölner Zoo, der kurz nach dem Ende des Krieges wieder eröffnet wurde. Eine solche Reise musste strategisch vorbereitet werden. Die Eisenbahn bediente die Strecke Kevelaer bis Krefeld nur zweimal am Tag. Das dauerte gut eine Stunde. Die Wagen besaßen zum Teil keine Fenster und die Sitze waren modrig, manchmal von Ziegen, Hunden oder Katzen belegt. Es roch nach Schweiß. Der Vater gab auf mein Zappeln Acht und beruhigte meine Ungeduld. „Die Tiere sind erschöpft“ sagte er und schenkte mir Schokolade, die er aus Zeitungspapier wickelte. Dabei tat er äußerst geheimnisvoll, obwohl die Prozedur immer dieselbe war. Den Ziegen gab er trockenes Brot und streichelte ihre warmen Zungen, die seine gütigen Hände dankbar leckten. In Krefeld hatten wir genügend Zeit, bis der Schnellzug nach Köln eintraf. Ich bekam ein Eis mit Erdbeer- und Vanillekugeln. Der Eismann besaß nur ein Bein. „Es passierte am Donez“ erzählte er und ich dankte artig für die Gratiskugel Karamell, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wer oder was der Donez sein sollte. In Köln gingen wir als erstes zur Marienkapelle St. Kolumba in der Nähe des Domes. Der Vater zündete eine Kerze an, betrachte das Foto meiner Mutter, hielt es an seine Lippen und vergoss ein paar Tränen.

Mit der Tram zuckelten wir zum zoologischen Garten. „Bitte lass uns zu dem grünen Leguan gehen“ bettelte ich. Also standen wir vor dem riesengroßen Terrarium, in dem er hauste, und warteten, bis er sich blicken ließ. Plötzlich zischte seine glatte Zunge aus dem Gestrüpp. Die Libelle hatte keine Chance aber das war mir gleich. Mit Vergnügen beobachtete ich, wie der Leguan sie verspeiste. „Ist er ein Marsmensch?“ fragte ich. „Ich bin mir nicht sicher“ antwortet der Vater, während die goldenen Augen der Echse rollten. „Gibt es noch andere Tiere mit goldenen Augen?“ startete ich einen zweiten Versuch. Der Vater schaute mich beunruhigt an, gab mir die Hand und wir verließen geschwind das Aquarium.

Gleich gegenüber turnten Mantelpaviane auf dem Affenfelsen, den ein Wassergraben umgab. Die Weibchen hielten ihre Jungen auf dem Schoß und kraulten deren Köpfchen. „Entzückend“ tönte es von links, „niedlich“ von rechts. Rasch zogen wir weiter. Scheue Erdmännchen ließen sich blicken, ein Elefant schiss gewaltige Klumpen, das Nilpferd gähnte, Flamingos putzten ihr Gefieder, Giraffen verrenkten sich die Hälse, ein Löwe bestieg sein Tigerfräulein, Eisbären fraßen Sardinen, Kamele kauten Bonbons, Gibbons meckerten, Schimpansen spielten Ball, ein Erdferkel biss sich in den Schwanz, Pfaue feierten Hochzeit und über dem ganzen Spektakel zog ein Aasgeier seine Kreise.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof kehrten wir, sofern noch Zeit blieb, im Brauhaus Früh ein. Vater zischte vier oder fünf Kölsch und ich bekam Limonade, selbstverständlich ebenfalls in einem Kölschglas. „Junger Mann“ lachte der Köbes, „übe fleißig, damit du die Kunst erlernst.“ Ich fragte ihn, wie er das meine, doch er lachte lauter und reichte mit ein Stück Blutwurst mit Senf. „Ist eine gute Grundlage“ sagte er und tätschelte mir die Wangen. An diesem Tag zog es Vater vor, schleunigst zu zahlen. Ich amüsierte mich dagegen und konnte den nächsten Besuch im Früh mit seinen Knollennasen unter vergilbten Stadtpanoramen kaum erwarten.

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Auf den Spuren des Leguans


„Kommt mal alle nach oben“ schallte die Stimme des frisch gekürten Kapitäns aus dem Bordlautsprecher. Wir befanden uns in den Gewässern der Malediven. Zuerst dachte ich, ein schwarzes Tuch, das, wie man es vom Theater kennt, durch Bodendüsen in wallender Bewegung gehalten würde, läge über dem Wasser. Dann erkannte ich tausende und abertausend Manta-Rochen. Die Herde schwamm in Richtung der Insel Kuramathi, auf der sich zwischen Kokospalmen schicke Touristenressorts der Extraklasse versteckten. Die Urlauber waren am Strand versammelt und winkten uns aufgeregt zu. In ihren Gesichtern spiegelte sich panisches Entsetzen. Ich sah durch mein Fernglas. Die gesamte Insel war mit gesprenkelten Eiern bedeckt. Sie lagen in Schichten aufeinander. Es knackte unaufhörlich, denn merkwürdig Geschöpfe schlüpften aus den Eiern. Sie ähnelten Geckos, hatte aber Flügel und Schwanzflossen. Ihre Schuppenhaut war weiß. „Das darf nicht wirklich wahr sein“ murmelte der Steuermann. „Wir wollen uns davonmachen.“ Die Matrosen hielten mit Stangen die herbeischwimmenden Menschen davon ab, das Schiff zu entern und sich in Sicherheit zu bringen. Demzufolge soffen die Schönen und Reichen ab.

Wie auf ein geheimes Kommando stürmten die Manta-Rochen die Insel. Sie walzten über die Eier hinweg. Ihre Kopfflossen sammelten die quiekenden Geckos ein und brachten sie zu einem kleinen Hügel am östlichen Rand der Insel. Dann schlitterten sie durch das glibbernde Eiweiß zum Ufer zurück. Die meisten erstickten auf dem Weg, wenige flutschten ins Wasser, wo sie das kommende Schauspiel gemeinsam mit rostroten Kraken und riesigen Würmern, die sich zuvor an den Leichen gelabt hatten, beobachteten. Die See bebte. Der Hügel brach wie eine geteilte Frucht auseinander. Lava schoss in die Höhe. Sie brachte eine Kreatur ans Licht, die einem kolossalen Drusenkopf ähnelte. Das Ungeheuer barg fürsorglich die Geckos, als seien sie das eigene Gezücht. Jetzt krachten seine Tatzen hinab. Kuramathi versank. Das Meer brodelte und schluckte die gesamte Inselgruppe der Malediven. Unser Frachter schlingerte, aber er hielt.

„Mon Dieu“ schrie Dominic an der Maschine, „volle Kraft voraus“. Der Kapitän zitterte. „So also setzt der Leguan seine Spuren“ japste er.

Das Schiff vibrierte unter dem Hämmern der Kolben und floh Richtung Südost. Ich notierte die Geschehnisse.

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Heinrich Heine „Die Memorien des Herrn von Schnabelewopski“


„Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiss bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann, und jetzt schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt. Begegnet es einem anderen Fahrzeuge, so kommen einige von der unheimlichen Mannschaft in einem Boote herangefahren und bitten, ein Paket Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese Briefe muss man an den Mastbaum festnageln, sonst widerfährt dem Schiffe ein Unglück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen am Fockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert, die man gar nicht kennt, oder die längst verstorben, so dass zuweilen der späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seine Urgroßmutter gerichtet ist, die schon seit hundert Jahren im Grabe liegt. Jenes hölzerne Gespenst, jenes grauenhafte Schiff führt seinen Namen von seinem Kapitän, der Holländer war.“

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